Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt

Lesenswert

(c) Herder Verlag
Datum:
Mi. 6. März 2024
Von:
Heribert Körlings

Jan Loffeld: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz. Freiburg: Herder Verlag 2024, 192 Seiten, 22,00 Euro; ISBN: 978-3-451-39569-7.

Das Buch ist in der Diözesanbibliothek entleihbar, Signatur 72 319.

Gott ist für immer mehr Menschen nicht gefragt. Unmissverständlich und ohne Beschönigung führt Jan Loffeld die empirisch belegte zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber der christlichen Botschaft vor Augen, reflektiert Gründe dafür und fragt nach Möglichkeiten der Reaktion.

Mit Transformation und Optimierung werden zwei unterschiedliche pastorale Lösungsstrategien gekennzeichnet. Letztere beinhaltet die zwar notwendige, unermüdliche Verbesserung der Seelsorge, verhindert aber die wachsende, als Apa–Theismus gekennzeichnete Indifferenz nicht. Diese Situation wird von den pastoral Engagierten als Sisyphusarbeit empfunden, sodass ein „Nichts“, eine „Leere“ ausgehalten werden muss.

Ohnmacht als Ort der Gotteserfahrung

Angesichts dieses Leerlaufens braucht es eine neue Sicht, Perspektiven des Christentums in der Transformation. Ihre Spiritualität ist der Karsamstag, an dem die Leere zugelassen wird und die Ohnmacht ein Ort der Gotteserfahrung werden kann. So kann eine die Selbstentäußerung Jesu Christi vergegenwärtigende Kirche neu nach Gott suchen, der sich mitten in der säkularen Welt erfahren lassen und ereignen kann. Ein solcher Ana-Theismus bedeutet, sich in unverbundener Verbundenheit mit den säkularen Zeitgenossen bewusst zu machen: Gott will nicht gebraucht werden. Seine Liebe und Menschenfreundlichkeit bestehen darin, die Quelle der Freiheit und der Selbstbestimmung zu sein. Darum kann der einzelne Mensch auch trotz seiner Indifferenz gegenüber Gott sinnvoll und erfüllt leben. Gott möchte um seiner selbst willen geliebt werden.

Dem trägt die Seelsorge aus Perspektive der Transformation Rechnung. Sie bezieht sich darauf, den Glauben an Gott nicht als allgemein menschliche Notwendigkeit aufzufassen und zu begründen, ausgehend vom Mangel oder von einer existentiellen, sinnstiftenden Relation zu Gott. Dagegen sollte die Seelsorge aufgrund der Transformation im gegenwärtigen europäischen Christentum sich tastend und situativ verstehen und verhalten. Neugierig auf Fragen der säkularen Zeitgenossen, interessiert und engagiert sie sich für Möglichkeiten, im Glauben an den personalen Gott die spezifischen Ressourcen des Evangeliums ins Gespräch zu bringen: Okkasionell, in bestimmten biografischen Situationen, kann Gott als das rettende Außen entdeckt werden. Der Glaube an Gott kann als Entlastung von dauernder Selbstdarstellung, als Heilung persönlicher Wunden, als Befreiung aus Sackgassen zu einem neuen Anfang in den Blick kommen. Das Evangelium enthält auch im Kontext der harten Säkularität eigene, unverwechselbare Ressourcen der Lebensführung. Es vermittelt das Vertrauen, dass Gott eine Zukunft schenkt, die wir mitgestalten, aber nicht allein machen werden oder müssen. 

 

Notwendige Denkanstöße

Das Buch bietet viele notwendige, interessante Denkanstöße: Der Indifferenz als unübersehbarem Zeichen der Zeit, dem radikalen Desinteresse an Glaubensthemen, stellt sich Loffelt konsequent und konstruktiv. Er stellt die grundlegende Frage nach der Lebensbedeutung des christlichen Glaubens an einen personalen Gott, wenn die Verkündigung nicht ankommt und die Kirche allenfalls wegen bestimmter Rituale in Passagesituationen und mit ihrem caritativen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft in Anspruch genommen wird.

In bestimmten biografischen Situationen zeigen sich Möglichkeiten, neugierig auf die Fragen der säkularen Zeitgenossen, im Glauben an den personalen Gott die Lebensmöglichkeiten des Evangeliums ins Gespräch zu bringen. So kann der Glaube an Gott alltagsrelevant werden.

Ob in einem Leben ohne oder mit Gott – die Fragen bleiben: Sind wir noch zu retten? Bin ich liebenswert? Werde ich geliebt?

Heribert Körlings, Herzogenrath