Helga Kohler-Spiegel: Traumatisierte Kinder in der Schule: verstehen – auffangen – stabilisieren. Ostfildern: Patmos Verlag 2017, 96 S., 14,00 €; ISBN 978-3843609333.
Das Buch kann in der Religionspädagogischen Medienstelle eingesehen und ausgeliehen werden.
Helga Kohler-Spiegel, Professorin für Religionspädagogik in Voralberg, geht von der grundlegenden Bedeutung der Beziehung zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen aus. Diese drückt sich vor allem im wohlwollenden, einfühlsamen Blick der Mutter aus.
Damit ruft die Autorin zurecht eine auch für das pädagogische Denken und Handeln zentrale Einsicht der personalen, dialogischen Anthropologie jüdisch-christlicher Provenienz in Erinnerung: Alles wirkliche Leben ist als Beziehung zu verstehen (M. Buber). Darum bedeutet zu sein, angesehen zu werden: „Esse = percepi“ (B. Grom). Letzteres bestätigen Einsichten der humanistischen Psychologie R. D. Laings ebenso wie das aus der nicht – direktiven Gesprächstherapie von C. Rogers bekannte „Spiegeln“.
Anschließend stellt die Religionspädagogin das Phänomen „Trauma“ sowie dessen Ursachen präzise und anschaulich dar. Vor diesem Hintergrund ist ein „erstes Verstehen“ traumatisierter Kinder, der Auswirkungen ihrer psychischen Verwundung auf das Gehirn, von Überlebensstrategien der Betroffenen und hilfreicher Programme möglich.
Schwerwiegende Auswirkungen
Der Abschnitt „Wenn aber die Unterstützung fehlt…“ signalisiert deren Notwendigkeit, angesichts der Folgen der posttraumatischen Belastungsstörung mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die existentielle Situation der betroffenen Kinder und Jugendlichen.
Nach einer kurzen, orientierenden Zusammenfassung im „Zwischenstopp“ kommt die schulische Situation in den Blick. Die Schule als Beziehungsraum des Miteinanders zwischen Lehrern und Schülern beinhaltet Möglichkeiten, ein „guter Ort“ zu sein, wenn der Pädagoge nicht nur die ihm Anvertrauten, sondern auch sich selbst als Beziehungspartner im Blick hat. Das ist eine an die Darstellung zu Anfang anschließende notwendige Perspektive, denn „Wer Du sagen will, muss zuvor Ich gesagt haben“ (M. Buber). Aus dieser für jede Beziehung grundlegenden Perspektive ergibt sich eine erste praktische Einsicht: Sensibel gegenüber ihrer individuellen Situation, müssen den Lernenden in Achtsamkeitsübungen Möglichkeiten zur Selbstberuhigung gegeben werden.
Praktische HIlfen und außerschulische Unterstützung
Als erfahrener Pädagogin ist Helga Kohler-Spiegel allerdings die Grenze dieser Strategie und schulischer Möglichkeiten ebenso bewusst, wie die Notwendigkeit beziehungsadäquat auf „besondere Situationen“ zu reagieren. Hier weist die Autorin auf praktische Hilfen sowie die selbstverständliche Kooperation mit außerschulischen Unterstützern hin. Nach einem Rückbezug auf die Arbeit der Traumatherapie veranschaulicht Kohler-Spiegel in einem Exkurs die „Krisenintervention“ und fasst schließlich die Möglichkeiten der Schule zusammen, traumatisierten Kindern und Jugendlichen zur Seite zu stehen.
Das Buch regt durch das interessante, aktuelle Thema auch aufgrund seiner Kürze zur Lektüre an. Die klaren Erläuterungen komplexer Begriffe und Zusammenhänge halten das Interesse ebenso wach, wie die anschaulichen Fallbeispiele. Damit macht die Autorin auf die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten ihrer praxisorientierten Ausführungen im institutionellen Beziehungsraum „Schule“ aufmerksam.
Mit ihren Perspektiven und Impulsen stellt Helga Kohler-Spiegel einen Erste–Hilfe–Koffer für erste vorsichtige Interventionen bereit. Daran anschließend können in Kooperation mit Experten weitere Hilfen bedacht und initiiert werden.
Im Literaturverzeichnis bietet die engagierte Autorin vertiefende Hinweise zur Erweiterung des Horizonts.
Heribert Körlings