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Transkription

Datum:
Mi. 24. Juni 2026
Von:
Alexander Schüller

Lesenswert

Ben Lerner: Transkription. Roman. Aus dem Amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Berlin: Suhrkamp 2026, 155 S., 24,00€; ISBN 978-3-518-43275-4.

Das Buch befindet sich im Belletristikregal der Religionspädagogischen Medienstelle und ist dort auch ausleihbar.


Kann es noch schlimmer kommen? Plötzlich liegt das Handy des Ich-Erzählers im Waschbecken und ist kaputt. Wie soll er jetzt – ohne Aufnahmemöglichkeit – das Interview mit seinem Mentor Thomas führen? 
Kann es noch schlimmer kommen? Nach seinem Vortrag im Museum Reina Sofia sieht sich der Ich-Erzähler mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe das Interview gefälscht, weil er es aus dem Gedächtnis rekonstruiert habe?

Kann es noch schlimmer kommen? Mitten in der Coronapandemie muss Thomas ins Krankenhaus eingeliefert werden. Sein Sohn Max darf den Sterbenden nicht besuchen, sondern nur über ein Telefon mit ihm sprechen.

Ben Lerner, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Professor für Literatur am Brooklyn College, komponiert seinen neuesten Roman aus drei novellistischen Begebenheiten, die zwar durchaus separat gelesen werden können, aber doch durch analoge Schauplätze (Hotels), bestimmte Leitmotive (‚in die Vergangenheit schauen‘) und vor allem eine wiederkehrende Figur verbunden sind: Es ist Thomas, Filmemacher mit deutschen Wurzeln und Repräsentant des Intellektuellen, der den eigenen Vater für einen Feigling hält, weil der seinerzeit ein Radio benötigt habe, um zu wissen, wovon er überzeugt zu sein habe – ein Hinweis auf Thomas’ Jugend im Dritten Reich.

Ein souverän konstruiertes Buch
Er, der Selbstdenker, trägt die Züge des jüngst verstorbenen Alexander Kluge, gewissermaßen Lerners Mentor, und wird konsequent aus der Perspektive anderer Menschen geschildert. Das ist – wie so vieles in diesem souverän konstruierten Buch – alles andere als marginal. Denn auf einer Ebene des Romans geht es darum, wer dieser Thomas ist: als Mentor, als Lehrer, als Vater. Doch auf einer allgemeineren Ebene geht es darum, wie sich unsere Beziehung zu einem anderen Menschen durch die gewohnheitsmäßige Nutzung digitaler Medien verändert hat. Wie nah können wir einander noch kommen, wenn ein Medium, ein Smartphone, eine Laptopkamera oder ein Telefon, überhaupt erst eine Beziehung erschafft bzw. garantiert? Und was bedeutet die Nutzung dieser Geräte für unser Weltverhältnis? Brauchen wir uns noch auf unser Erinnerungsvermögen zu verlassen, wenn uns jedes Smartphone ermöglicht, ein Gespräch aufzuzeichnen oder ein Gemälde zu fotografieren – und so unseren spontanen Eindruck später zu überprüfen? 


Potential zur Entfremdung
Lerners lesenswertes Buch zeichnet sich besonders dadurch aus, dass es nicht nur die Figur des Thomas, sondern auch diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet – und sich allzu einfachen Antworten verweigert. Smartphones, Tablets und Telefone besitzen hier ebenso sehr das Potential zur Entfremdung wie zur Beziehungsstiftung. Das Potential zur Entfremdung zeigt sich z.B. im ersten Teil, als der Ich-Erzähler berichtet, er sei es gewohnt, stets ein Navigationsgerät anzuschalten, selbst wenn er den Weg bereits kenne. Der Ausfall der Smartphones schenkt ihm ein „Präsenzerlebnis“, eine gesteigerte Wahrnehmung, und weckt Erinnerungen an all die Ereignisse und Emotionen, die mit der Landschaft am Wegesrand verknüpft sind. Das Potential zur Beziehungsstiftung zeigt sich auch im zwischenmenschlichen Bereich, z.B. im dritten Teil, als Max seinem auf dem Sterbebett liegenden Vater nur über das Smartphone noch zu sagen vermag, dass er ihn in Ehren halten werde, obwohl manche Entscheidungen aus der Vergangenheit zwischen ihnen stünden. Gerade in dieser Schlüsselszene wird allerdings deutlich, dass die mediale Transkription nicht ohne den Menschen selbst gelingen kann. Denn der Vater kann seinen Sohn nicht hören, weil er zum Zeitpunkt des Telefonats ohne Bewusstsein ist. Und er hört ihn vielleicht doch, worauf in Max’ Augen das spätere Verhalten des Vaters hinzudeuten scheint.

Es gibt verschiedene Transkriptionen
Das bleibende Geheimnis zwischen Sender und Empfänger, die black box der Transformation, ist ein zentrales Motiv des Romans und wirft neues Licht auf seinen Titel. Es gibt verschiedene Transkriptionen. Die mediale, mitunter manipulative Transkription suggeriert uns, dass wir – wie z.B. Max glaubt – „etwas Objektives in der Hand haben […], woran ich meiner Erfahrung überprüfen konnte.“ (S. 145)
Diesem allzu oft gehörten Heilsversprechen erteilt Lerner eine Absage zugunsten einer Transformation, die von Subjektivität und Feingefühl geprägt ist. Sein Roman illustriert, dass die je spezifische Perspektive, der subjektive, lebensgeschichtlich gesättigte Anteil, nicht die scheinbare Objektivität unseres Weltwissens für unsere Beziehungen entscheidend ist, selbst dann, wenn wir das je Andere nicht verstehen. Wir selbst sind es, die -- medial oder nichtmedial unterstützt – für Transkriptionen sorgen, etwa indem wir, angeregt durch die Fragen der Gegenwart, zurück in die Vergangenheit schauen, um im Alten das Neue, im Früheren das Künftige zu entdecken.
Oder indem wir unser perspektivisches Rekonstruktionsvermögen üben und so mutig unsere je eigene Weltbeziehung gestalten. Oder indem wir wie Thomas im ersten und dritten Teil die Hand unseres Gesprächspartners ergreifen und so unmittelbare Nähe herstellen. Zwei Menschen, die sich allen Unterschieden und Täuschungen zum Trotz einander zuwenden, weil sie etwas Gemeinsames haben – könnte es in einem Roman noch schöner kommen?

Alexander Schüller