Theologie im KI: Vorträge von Hubert Wolf und Claudia Paganini zu spannenden Themen

Denkwürdig

(c) KI Aachen
Datum:
Di. 3. Feb. 2026
Von:
Alexander Schüller

Die erste größere Veranstaltung aus unserem Programm im neuen Jahr war bereits ein voller Erfolg – und wird sicher allen, die dabei gewesen sind, in Erinnerung bleiben. Der bekannte Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf war nach Aachen gekommen, um einen Einblick in seine Forschungen über die Bittschreiben von Jüdinnen und Juden an Papst Pius XII. zu geben.
Sein ambitioniertes Projekt „Asking the Pope for Help“ hat sich zum Ziel gesetzt, die 15.000 in den Vatikanischen Archiven gefundenen Bittschreiben der Öffentlichkeit bekannt zu machen und systematisch aufzuarbeiten.

Dadurch lässt sich auch das vielzitierte Schweigen Pius’ XII. zum Holocaust neu bewerten, ein Schweigen, das – wie sich jetzt schon zeigt – nicht nur das Schweigen eines Einzelnen, sondern zugleich der Kurie war, an der einzelne Mitarbeiter z.B. im Falle eines ehemaligen Schulfreundes des Papstes aus verheerenden politisch-strategischen Erwägungen verhinderten, dass dem Papst das Bittschreiben zur Kenntnis kam.
Doch Wolf stellte bei seinem Besuch im KI nicht nur das Projekt vor, sondern griff anschließend einige signifikante Bittschreiben heraus, ordnete sie historisch und biographisch ein und schilderte den Umgang der Kurie mit diesen Schreiben und das weitere, oft beklemmende Schicksal der Bittenden. Das Format der szenischen Lesung, bei dem Wolf von seinem Doktoranden und Projektmitarbeiter mit Aachener Wurzeln, Christian Middendorf, gekonnt unterstützt wurde, war dafür bestens geeignet.
Die mal nüchternen, mal emotionalen Originaltexte, ergänzt um die Forschungserkenntnisse, ließen niemanden kalt – auch und gerade, weil der Papst in etlichen Fällen nicht helfen konnte. Berührend die Originaltonaufnahme Kurt Einsteins, der die Hölle der Lager überlebte und nach dem Krieg – wie er selbst sagte – zum „Verhaltensforscher“ wurde. Die Überzeugung, die er gewann, hallt weit über den Abend hinaus: Unter den richtigen Umständen und Bedingungen könne jeder zum Unterdrücker oder Unterdrückten werden. Nach dem Ende des Vortrags herrschte zunächst minutenlanges Schweigen. Erst nach dem von Stefan Voges einfühlsam moderierten Austausch mit den Teilnehmer*innen applaudierte das Publikum – und das völlig zu Recht. Eine bewegende Veranstaltung wider das Vergessen!

Wir danken unseren Kooperationspartnern, dem Fachbereich „Geistlich leben“ im Bischöflichen Generalvikariat Aachen, dem Lehr- und Forschungsgebiet Kirchengeschichte der RWTH Aachen und der Buchhandling Schmetz am Dom dafür, dass dieser Abend möglich war.

Einen guten Eindruck von der Veranstaltung erhalten Sie im zugehörigen Reel: https://shorturl.at/wgEdp  

 

Ist KI der neue Gott? Claudia Paganini stellt ihr neues Buch im KI vor

Allgegenwart, Allmacht, Güte, Transzendenz, Nahbarkeit. Menschen schreiben künstlicher Intelligenz Eigenschaften zu, die sie traditionell Gott zuschreiben. Diese These entfaltet die Theologin und Medienethikerin Claudia Paganini (Universität Innsbruck), die spätestens seit ihrer Performance beim 50. Geburtstag des KI in Aachen gut bekannt ist, in ihrem neuen Buch. Das Interesse an der Buchvorstellung im KI war groß, die Veranstaltung ausgebucht. Zu den Teilnehmer*innen gehörten auch knapp 40 Schüler*innen aus 2 Religionskursen des Aachener Gymnasiums St. Leonard, die von ihren Lehrkräften bestens vorbereitet worden waren, wie ihre Beiträge in der abschließenden, rege geführten Diskussion zeigten. Doch erst einmal leitete Claudia Paganini ihre These medientheoretisch her und versuchte, die Argumentation durch Beispiele aus dem Alltagsleben zu konkretisieren. Eines der klassischen Gottesattribute untersuchte sie danach genauer und erläuterte, dass und warum aus ihrer Sicht heutige Menschen KI für so allgegenwärtig halten wie einst Gott – mit allen Konsequenzen, auch der mit der Vorstellung von Allgegenwart verbundenen Kontrolle bis in die Herzen hinein. Das an den Impulsvortrag anknüpfende Podiumsgespräch mit Oliver Reisen (Akademie des Bistums Aachen) und Alexander Schüller thematisierte und problematisierte weitere zentrale Aspekte des Buches. So ging es z.B. darum, ob die Übertragbarkeit des Gottesprädikats „Nahbarkeit“ vielleicht doch nur begrenzt möglich sei und welche anthropologischen Konsequenzen eine Analogie zwischen Gott und KI hier haben könnte: Wird der Mensch nur noch als defizitäres Wesen betrachtet – und KI als Instrument zur Reduzierung seiner Imperfektibilität, die als zu überwindendes Übel und nicht als genuin menschlich gilt? Das Publikum zeigte großes Interesse an den Ausführungen, ließ aber in der Fragerunde auch erkennen, dass es nicht alle Thesen teilte.
Muss man im Hinblick auf das funktionalistische Gottesverständnis, das den Zuschreibungen zugrunde liegt, nicht besser von einem „Götzen“ oder sogar „Teufel“ KI sprechen? Der Abend lieferte Impulse, wie diese Frage beantwortet werden könnte – und war zugleich Anlass zum Weiterdenken und Weiterdiskutieren. Das Gespräch über die Bedeutung der KI wird deshalb spätestens im neuen Schuljahr in großer Runde wieder aufgenommen werden. Bleiben Sie gespannt.

Auch vom Abend mit Claudia Paganini gibt es ein Reel auf „Kompass Religionspädagogik“: https://www.youtube.com/shorts/xJ9myVZdz5A 


Alexander Schüller
 

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