Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen. Roman. München: Luchterhand 2025, 319 S., 24,00 €; ISBN 978-3-630-87784-6.
Das Buch kann im Belletristik-Regal in der Religionspädagogischen Medienstelle eingesehen und dort auch ausgeliehen werden.
Schweben und sich frei fühlen, befreit von aller Erdenschwere. Für Josef, die sechsjährige Hauptfigur in Hanns-Josef Ortheils neuem Roman „Schwebebahnen“ gehört beides zusammen – spätestens seit er bei einer Fahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn die beglückende Erfahrung machen durfte, sich frei zu fühlen. Wuppertal ist die Stadt, in der die Handlung dieses Buches angesiedelt ist.
Ortheil, einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller, führt mit ihm die Reihe der autobiografischen Romane fort, in denen er – verfremdet und doch erkennbar – eigene Erfahrungen erkundet, nicht zuletzt den wiederkehrenden Traum von der Schwebebahn. Tatsächlich lebte er von 1957 bis 1962 in Wuppertal. Aber es bleibt in der Schwebe, was genau in seinem Roman lebensgeschichtlich inspiriert und was erfunden ist. Das zu wissen ist auch gar nicht wichtig; der Roman spricht für sich.
Er erzählt auf selbst wunderbar schwebende Weise, wie Josef, das künstlerisch hochbegabte, aber in sich selbst verkapselte Kind in Wuppertal neu anzufangen sucht, nachdem er in Köln die Schule abbrechen musste. Neu anzufangen heißt für ihn: Räume zu finden, an denen er sich frei fühlen kann, frei nicht zuletzt von der Ambivalenz, die seinem künstlerischen Talent innewohnt und die sich vor allem im Umgang mit den Mitmenschen bemerkbar macht. Je nach Perspektive ist dieses Talent Geschenk oder Bürde, macht ihn zum bewunderten-beneideten Außenseiter oder hat eine sozial integrierende Kraft. Neu anzufangen heißt deshalb auch: Menschen zu begegnen, die ihn nicht vorverurteilen, sondern mehr über ihn wissen wollen.
Räume und Menschen gehören zusammen
Räume und Menschen – auch sie gehören im Roman zusammen. Sie öffnen Josef die äußere und die innere Welt, das Fremde und das Eigene. Ein Raum ist z.B. die örtliche Katholische Bücherei, für die Josefs Mutter zuständig ist, nicht irgendein Raum, sondern eine eigene Welt, die zwischen nur je zwei Buchdeckeln unzählige weitere Welten eröffnet. Ein Mensch wiederum, der als Türöffnerin zu einem weiteren Raum fungiert, ist Mücke, Tochter eines Gemüsehändlers italienischer Herkunft, die selbst psychisch stark belastet ist, seit ihre Schwester tödlich verunglückt ist. Sie hat in einer Höhle einen Zufluchtsort gefunden, an dem sie imaginierte Engel besuchen und aufmuntern. Mücke wird für Josef bald eine enge Freundin. Sie bringt ihn u.a. mit ihrer freundlichen, z.T. aber zerstrittenen Familie in Kontakt und nimmt ihn sogar mit in ihre Höhle. Ernst genommen fühlt sich Josef auch von der Rektorin seiner Grundschule, mit der er in ihrem Büro regelmäßige Gespräche führt. Sie vermag es aber ebenso wenig wie Pater de Kok alle seine verschiedenen Seiten und Rollen anzunehmen. Und so gibt keinen besseren und weiteren Raum, an dem sich Josef schwebend leicht fühlt, als seine überbordende Fantasie, die beim Lesen und Schreiben, beim Improvisieren und Zeichnen entzündet wird und jenen Raum erschafft, in dem die Ambivalenzen nicht aufgelöst werden müssen, sondern stehen bleiben können. Josef schreibt z.B. über die Schwebebahnen, die ihn faszinieren und wegen ihres Lärms zugleich ängstigen; beides gehört zusammen. Auch die soziale Ambivalenz seiner künstlerischen Fähigkeiten verschwindet nicht: Während einige sich ihm wohlwollend zuwenden, halten andere ihn für einen Spinner.
Anders als Mücke und Frau Fischer bemühen sie sich nicht im Geringsten darum, Josef zu verstehen. Vielleicht ist diese Ambivalenz gerade das Schicksal des Künstlers, Gnade und Bürde zugleich: Er ist mitten unter den Menschen und doch nie ganz dabei. Hanns-Josef Ortheil hat dem Schwebezustand des (werdenden) Künstlers, der Stadt Wuppertal, die Berg und Tal verbindet, und nicht zuletzt der Epoche der Nachkriegszeit, in der das Schweben zwischen den Polen zur Allgemeinerfahrung wird, ein berührendes Buch gewidmet. Seine federleichte Sprache, die selbst bedrückenden Erfahrungen einen Teil ihrer Schwere nimmt, macht es zu einem beeindruckenden Leseerlebnis.
Alexander Schüller