Mädchen Nr. 60427

Sehenswert

(c) kfw
Datum:
Fr. 30. Jan. 2026
Von:
Margit Retterath-Offner

Mädchen Nr. 60427 (OMU)

Kurzfilm 2022, 21 Minuten (KFW)
Ein Film von Shulamit Lifshitz, Oriel Berkovits, empfohlen ab 13 Jahren, Sek I: ab Klasse 8 
(als Download im Medienportal)

„Für mich ging alles kaputt im Sommer nach der fünften Klasse. Auf dem Weg zu einer Woche Urlaub bei meinen Großeltern in Tel Aviv dachte ich noch, dass unsere Familie ganz normal ist. Aber das ist sie nicht. Überhaupt nicht.“

Mit diesen Worten von Re’ut beginnt der Kurzfilm „Mädchen 60427“. Re’ut und ihre Geschwister verbringen eine Woche ihrer Ferien bei den Großeltern in Tel Aviv. Re’ut vertreibt sich ihre Langeweile mit dem Schmuck und der Schminke ihrer Großmutter. Von ihrer Großmutter, die auch ihren Enkeln gegenüber eher reserviert erscheint, wird dieses Spiel unterbunden. Beim Zurückräumen entdeckt Re’ut hinter den Schals ein Heft. Ihre Großmutter schickt sie daraufhin aus dem Zimmer.
Re’uts Neugier ist geweckt. Unbemerkt nimmt sie das Heft an sich und unbemerkt beginnt sie zu lesen. Es handelt sich um das Tagebuch ihrer Großmutter aus dem Jahr 1942. Re’uts Großmutter, Schifra, beschreibt darin die Deportation, die Ankunft in Auschwitz, den Appell, bei dem ihre Schwester zusammenbricht und die Erschießung der Schwester kurze Zeit später.
Die Beschreibungen der Großmutter werden immer wieder unterbrochen durch die Alltagsaktivitäten Re’uts bei ihren Großeltern: Essensvorbereitungen, Mahlzeiten, Picknick am Fluss, Ausflug zum Spielplatz, der Besuch der Synagoge. Dabei werden die Bilder, die beim Lesen der Ereignisse in Re’ut entstehen, als animierten Szenen in der realen Umgebung gezeigt. So ziehen Figuren von Deportierten über die Fensterbank. Auf dem Spielplatz taucht für Re’ut plötzlich die Figur eines Aufsehers mit Hund auf. Je weiter Re’ut in die Erzählungen der Großmutter eintaucht, desto größer werden die Figuren, die in Re’ut immer mehr Lebendigkeit bekommen. Die animierten Sequenzen lassen so immer deutlicher werden, wie groß die Belastung durch das Gelesene für Re’ut geworden ist.

Das Maß des Erträglichen ist voll
Während eines Gebets im Synagogengottesdienst, in das sich Figuren des Appells mischen, ist für Re’ut das Maß des Erträglichen voll. Sie flüchtet durch die Stadt an den Strand und springt mit all ihren Kleidern ins Meer, als wollte sie die Bilder, die die Schilderungen der Großmutter in ihr haben lebendig werden lassen, abwaschen, ertränken. Für Re’ut ist es Zeit, der Großmutter zu gestehen, dass sie ihre Geschichte nun kennt. Sie steht mit dem Heft in der Hand vor der Großmutter. Deren Vorwürfe beendet Re’uts lange Umarmung, die dann auch von ihrer Großmutter, begleitet von beruhigenden Worten, erwidert wird. Zum ersten Mal scheint ein Hinwenden zu ihrer Enkelin möglich. Unter den Augen von Re’ut versteckt die Großmutter das Heft wieder.
Diese Geschichte teilen sie nun. Der Kurzfilm, der für Schüler*innen ab 14 Jahre empfohlen ist, ermöglicht, über Re’ut, sich der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu nähern.
Die Erwähnung, dass das Heft Teil der Dokumente der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem (Israel) ist, verweist darauf, dass es sich um eine authentische Erzählung handelt. Die Regisseurin Shulamit Lifshitz hat mit ihrem Schwager Oriel Berkovits das Auffinden des Tagebuchs der Großmutter nach deren Tod durch diesen Kurzfilm verarbeitet und sehr eindrücklich ins Bild gebracht, wie die Belastungen des Erlebten und des Überlebens in Generationen noch nachwirken. Der Kurzfilm schafft eine Basis, um anlässlich des Holocaust-Gedenktages wieder ins Gespräch zu kommen, über das, was dieser Teil unserer Geschichte bedeutet für uns und das Miteinander. Umfangreiches Arbeitsmaterial steht zur Verfügung.

Margit Retterath-Offner