Unvergesslich – meine vier Abschiedstagungen mit den Verbindungslehrer*innen
Das hatte ich lange so geplant und intensiv vorbereitet: Zum Ende meiner 37-jährigen Dienstzeit als Dozent für Religionspädagogik im Katechetischen Institut zum 1.9.2026 wollte ich mich nicht nur im Kollegium des KI verabschieden, sondern auch von den Kolleg*innen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten meine Veranstaltungen besuchen. Denn gerade als Religionslehrer*innen sind wir eine Gemeinschaft, die persönlich, fachlich und unterrichtspraktisch immer wieder gegenseitige Unterstützung und neue Impulse braucht. Es sollte - gemäß unserer regionalen Struktur an vier Tagen und Orten im Juni - nicht nur ein Abschied mit meinem Blick zurück sein, sondern auch unser Blick nach vorn mit dem kräftigen Plädoyer: KINDER BRAUCHEN RELIGION(SUNTERRICHT)!
So fanden in Viersen, Gemünd, Mönchengladbach und Aachen mit insgesamt 100 Teilnehmer*innen vier Tagungen mit persönlicher Begegnung, intensiver Auseinandersetzung und gegenseitiger Stärkung statt, wie ich sie mir schöner gar nicht hätte vorstellen können. So viele Impulse, so viel Wertschätzung für den Religionsunterricht und auch für meine Arbeit habe ich erfahren, dass ich mich hier nochmals herzlich bedanken möchte. Das war allerliebst!
Gang durch meine Lebensgeschichte
Im ersten Teil des Vormittags stellte ich autobiographisch in Auszügen einen Gang durch meine Lebensgeschichte im Zusammenspiel mit meinem Berufsweg vor. Der gesamte veröffentlichte Beitrag mit dem Titel „Das Zufällige wahrnehmen – den eigenen Weg mit Freude gehen. Religiöses Lernen als Sprachspiel im Fragen, Antworten und Weiterfragen“ ist nun bei www.rainer-oberthuer.de (s. „über mich“) als Download für alle nachlesbar. Die aktive Einwilligung ins (scheinbare) Zufällige spielte darin eine besondere Rolle.
Dabei ging es nie nur um meinen Weg, sondern um unser aller Lebens- und Berufsgeschichte, letztlich um die Fragen: Warum kommen wir hier als Religionslehrer*innen zusammen – was hat uns zu diesem wunderbaren Beruf motiviert? Tief beeindruckt haben mich die vielen so individuellen Lebenswege und Motivationen, Religionslehrerin zu werden, und die dann erarbeiteten und zusammengetragenen Aspekte zur Frage: Was ist erforderlich, damit der Religionsunterricht sich weiterhin als ein „Lieblingsfach“ der Kinder, einzigartig und unverwechselbar, notwendig und unverzichtbar, in der Schule „behaupten“ kann?
Kann ich das Universum mit Gott besser verstehen?
Am Nachmittag widmeten wir uns nach meinem Impuls-Beitrag zur Kinderfrage: „Kann ich das Universum mit Gott besser verstehen?“ (s. „Was bringt’s, an Gott zu glauben?“, hg. von Biesinger / Kohler-Spiegel / Hiller, Kösel-Verlag) weiteren notwendigen Aspekten eines nachhaltigen und zukunftsfähigen RU: der anzustrebenden Resonanz mit den Momenten der Berührung, Selbstwirksamkeit, Anverwandlung und Unverfügbarkeit (Hartmut Rosa) / der Bedeutung sensibler Sprache in Wort, Bild und Musik / der Problematik der Leistungsmessung („Du sollst dich nicht messen“, Lied von Dota Kehr) / der vierfachen Möglichkeit, das Kind zu sich kommen zu lassen (die Kinder zu uns und sich, das Kind in uns zu uns und den Kindern). Zwischendurch streute ich anekdotisch kleine Highlight-Geschichten ein: von Symbolen im Aachener Stadion, von der Anfangslesung im Kölner Dom, von vielen Konzert-Lesungen mit Carolin und Andreas Obieglo.
Wir variierten die Frage nach einem notwendigen Religionsunterricht, indem sich jede/r ein DING aus einer Vielzahl angebotener Möglichkeiten aussuchte und damit den RU beschrieb.
Stellvertretend für alle folgen hier schöne Beispiele: KALEIDOSKOP: „RU ist unverzichtbar, damit ich staunen kann.“ FEDER: „RU ist wichtig, weil er einen Raum geben kann, sich ‚schwerelos‘ den wichtigen Fragen des Lebens zu stellen und damit ein Stück Leichtigkeit ins Leben bringt.“ LUPE: „RU ist wichtig und unverzichtbar, weil ich durch den genauen Lupenblick wie ein Detektiv den Sinn des Lebens suchen und hoffentlich finden kann, weil ich Gottes Schöpfung und seine Liebe zu uns Menschen erkennen kann und durch genaues Hinsehen für meine Mitmenschen sensibilisiert werde.“ WALNUSS: „RU ist einzigartig, weil wir bewusst machen dürfen, dass das Besondere der Dinge manchmal im Verborgenen liegt.“ WELTKUGEL-KREISEL: „RU ist einzigartig, weil er sich allumfassend und global auf der ganzen Welt abspielt – egal welcher Herkunft und Hautfarbe.“ PFLASTER: „RU ist unverzichtbar, weil er Trost spenden und Wunden heilen kann.“ STEIN mit NOTENSCHLÜSSEL: „RU ist wertvoll, weil er ohne Sprache die Melodie des Herzens versteht.“ DREI SCHLÜSSEL: „RU ist wie Schlüssel, die immer neue Türen öffnen, zu neuen Räumen, Welten, Antworten, Menschen, Geschichten, die uns neue Dinge, Erkenntnisse, Gefühle zeigen, uns den Weg zu uns selbst, anderen, unseren Seelen und den wichtigen Fragen aufschließen.“ GLOBUSKUGEL mit JESUS in der Mitte: „RU kreist um eine Mitte, die letztlich verborgen bleibt - das Geheimnis Gott wird durch Jesu Menschwerdung konkret!
Den Bezug zum Unendlichen wach halten
Im letzten Teil gab uns das beeindruckende Zitat von C.G. Jung zu denken: „Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist Du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens. Nur wenn ich weiß, dass das Grenzenlose das Wesentliche ist, verlege ich mein Interesse nicht auf Futilitäten (Banales, R.O.) und auf Dinge, die nicht von entscheidender Bedeutung sind. Wenn man versteht und fühlt, dass man schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen ist, ändern sich Wünsche und Einstellungen.“ Letztlich geht es im RU darum: den Bezug zum Unendlichen wachzuhalten, nicht als Weltflucht, sondern als Intensivierung des Lebens auf der Erde. Das gilt für jeden Menschen, das gilt schon für Kinder!
Wunderbare Umschreibung des Lebenssinns
Mit Michael Zichy waren wir uns einig: aus den richtigen, nämlich guten Gründen anderen wichtig sein, das ist eine wunderbare Umschreibung des Lebenssinns. Sie führt uns vor Augen, wie sinnvoll unser Beruf als Religionslehrer*in ist. Das gilt auch für meine langjährige Arbeit als Dozent und Autor. Im Auftrag des KI endet sie am 1.9.2026 und ich freue mich, dass eine hoch engagierte Nachfolgerin aus der Grundschule meinen Dienst übernimmt und weiterführt. Für mich geht es mit gleicher Freude und Begeisterung freiberuflich weiter. Neue Tagungen sind ab Oktober in Sicht, neue Veröffentlichungen sind im Prozess des Entstehens. Die Quelle für alle Infos zu meiner Arbeit ist wie immer schon, jetzt aber vornehmlich: www.rainer-oberthuer.de .
Dass nach dem spirituellen Ausklang mit der Bitte um Frieden im Lied „Da Pacem“ von Carolin No und meinem letzten Satz „Vielen Dank für so schöne Jahre!“ die Kolleginnen nicht nur klatschten, sondern sich auch erhoben, hat mir fast die Sprache verschlagen – VIELEN DANK!
P.S. I: „Da pacem“ und viele andere Lieder von Carolin No werden am 4. Juli 17 Uhr in Mönchengladbach und am 5. Juli 12:30 Uhr in Aachen bei unseren Konzert-Lesungen live zu hören sein, s. www.aachen.de .
P.S. II: In einer Ecke unseres Tagungsraums hatte ich einen kleinen Spenden-Flohmarkt mit aussortierten Büchern und Materialien aus meinem Büro aufgebaut. Ich bedanke mich für erfreuliche 140 Euro, die ich an Misereor überweisen durfte!
Rainer Oberthür