Claudia Paganini: Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche. Freiburg: Herder Verlag 2025, 192 S., 20,00€; ISBN 978- 3 - 60146 -0.
Das Buch ist in der Diözesanbibliothek unter der Signatur 74 616 einsehbar und ausleihbar.
Freundliche Übernahme?
Claudia Paganini geht es um die Funktion Gottes als Sinn- und Lebensorientierung. Ihr Buch führt, auch mit Bezug auf die sogenannten Allprädikate, unterschiedliche Gottesvorstellungen vor Augen, die im Lauf der Geschichte das menschliche Bedürfnis nach Orientierung und Lebenssinn erfüllen. Im säkular – technisierten Zeitalter befriedigen die Menschen ihr spirituelles Bedürfnis, indem sie fortschreitend die Künstliche Intelligenz (KI) als Gott erfinden und verehren.
Die Autorin lässt unterschiedliche Gottesvorstellungen Revue passieren. Diese werden jeweils zur Leistung und zur Bedeutung der KI in Beziehung gesetzt. Neun zentrale Eigenschaften schreiben Menschen Gott zu: Einzigartigkeit, Allgegenwart, Allwissenheit, Allmacht, Transzendenz, Nahbarkeit, Gerechtigkeit, Sinnstiftung und Fürsorge. In den jeweils darauf bezogenen Kapiteln skizziert die Autorin in religionsgeschichtlicher Perspektive zunächst den Ursprung und die Bedeutung des entsprechenden Gottesbildes. Jeweils im Anschluss daran erklärt sie, inwiefern entsprechende göttliche Eigenschaften durch die KI gegeben sind.
Auf wessen Seite?
Das letzte Kapitel des flüssig lesbaren Buches beinhaltet die zentrale Zukunftsfrage: Ist der neue Gott, die KI, für die Unterdrückten die Quelle und Motivation ihrer Emanzipation oder stabilisiert sie die Macht der Mächtigen?
Gott, der Stabilisator der Macht oder der Befreier aus den verschiedenen Formen der Abhängigkeit? Auch wenn es der Autorin nicht primär um einen bestimmten Glauben geht, sondern um die Funktion der Religion, klingt mit dieser Frage deutlich die jüdisch – christliche Exodus – Überlieferung an. Dieser korrespondiert nämlich das Vertrauen auf die Begleitung Gottes in den Höhen und Tiefen eines Menschenlebens.
Mitten im Leben jenseitig?
Claudia Paganini geht im Zusammenhang mit einer kurzen Feststellung über die Transzendenz Gottes und über seine Erfahrbarkeit im menschlichen Leben auf die christliche Trinitätsvorstellung mit der Inkarnation ein. Diese wird allerdings fälschlicherweise als die Menschwerdung Gottes des Vaters gekennzeichnet. Der hier angedeutete wichtige Rekurs auf die Transzendenz und die Gegenwärtigkeit des Dreieinigen Gottes im Leben des Menschen leuchtet mithilfe der Kategorie der Beziehung ein: In den von der gegenseitigen Beziehung der drei göttlichen Personen konstituierten Freiraum ist jede einzelne menschliche Person, das von Gott gewollte, selbstbestimmte, bedingungslos anerkannte Geschöpf, einbezogen.
Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir, die Claudia Paganini in ihren Ausführungen zitiert, fasst diesen Sachverhalt, bezogen auf den zwischenmenschlichen Bereich, pointiert zusammen: „Gesehen zu werden, ist das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann.“ Auch mit Bezug darauf ist zu bedenken, ob die KI der Garant dafür sein kann, dass die Person, als sie selbst geachtet werden wird, aber niemals Mittel zum Zweck sein darf. Zudem fragt sich, ob die KI, der von Menschen geschaffene, technisch an menschlichen Bedürfnissen ausgerichtete neue Gott, die Agape, „die Liebe“ (1 Joh. 4, 8.16) ist, durch deren bedingungslose Zuwendung sich für jede Person selbstbestimmte, vielfältige, auch unerwartete, Lebensmöglichkeiten ergeben.
Taugt die KI als der neue Gott?
Am Ende ihres Buches spitzt Claudia Paganini die Ausgangsfrage zu: Wird der neue Gott KI, der mit der Übernahme der traditionellen Gottesprädikate den damit verbundenen menschlichen Bedürfnissen entspricht, am Ende das Universum neu schaffen, sich menschenfreundlich verhalten oder als apokalyptischer Tyrann das Leben zerstören? Inhalt der Hoffnung oder ein Schreckensszenario? Die Antwort darauf sollen die Leser am Ende ihrer Lektüre selbst geben.
Der neue Gott KI ist in der Lage, die mit den unterschiedlichen Gottesvorstellungen verbundenen menschlichen Bedürfnisse passgenau zu erfüllen. Das ersehnte Gegenüber darstellend, bezieht sich der von Menschen erschaffene neue Gott auf die entsprechenden Wünsche. Als das Äquivalent der menschlichen Bedürfnisse beinhaltet die KI damit die umfassende Heilszusage in Form einer monumentalen Projektion.
Unvergleichlich?
Die Allprädikate in der Tradition des christlichen Nachdenkens über Gott machen aber genau das Entgegengesetzte bewusst: Seine Unbegreiflichkeit und Unverfügbarkeit. Verneinend von Gott zu sprechen, im Modus der Bestreitung jedes anthropomorphen Gottesbildes, ist ein Kennzeichen der negativen Theologie: Gott ist anders als alles, was Menschen sich ausdenken und erfinden können.
Die interessanten, provozierenden Ausführungen in dem Buch von Claudia Paganini fordern im Zusammenhang mit der Bedeutung und der Nutzung der Künstlichen Intelligenz zu weiterführenden Fragen über den Inhalt des eigenen Glaubens und dessen existentieller, persönlicher Bedeutung heraus.
Heribert Körlings, Herzogenrath