Die Graphic Novel ist ein in Buchform daherkommender Comic, in der oft Erzählungen von hoher Komplexität anschaulich erzählt werden. Diese Form wurde in den 1980er-Jahren aus den USA übernommen, auch um den Buchmarkt mit deren Anwesenheit zu triggern. Denn der Mensch als ein „Augentier“ greift immer wieder sehr gerne auf illustrierte Geschichten zurück. Sprechblasen und kurze Überschriften vermitteln auf kurzem Weg den Inhalt der Graphic Novel, wobei auf das von Jugend-Comics bekannte und plakative „Boing, Boom, Tschak!“ gänzlich verzichtet wird!
So genutzt, wird der Comic zu einem intelligenten und lesernahen Medium.
Durchforstet man den Bestand der Medienstelle finden sich eine Menge solcher „Comics“ aka Graphic Novels, die nachfolgend etwas näher beleuchtet werden sollen, auch im Hinblick auf ihren Einsatz im Unterricht oder in Gemeinden:
„Nieder mit Hitler“ (Signatur 320.4 Voit): Hier geht es um eine fünfköpfige jugendliche Widerstandsgruppe aus Erfurt, die anfangs zwar Begeisterung für den Nationalsozialismus zeigt und auch in der HJ organisiert war, aber später eine 180-Grad-Wendung nahm und ab 1943 Flugblätter mit dem Tenor „Nieder mit Hitler“ verteilten. Sie erzählt die wahre Geschichte dieser Jugendgruppe um Karl Metzner (1927-2018), der später als evangelischer Pfarrer vor allem durch seine Haltung bekannt wurde. So verweigerte er nach dem Krieg der Stasi, Informationen über die Jugendlichen seiner Gemeinde zu geben. Metzner sollte als „informeller Mitarbeiter“ missbraucht werden, jedoch erfolglos.
Die Unterrichtsanregung in der Zeitschrift „entwurf“ (3/2022, S. 55) mit ihrem empathischen Zugang ist für die Klassen 8-10 gedacht und beschäftigt sich mit dem Thema Zivilcourage unter Einsatz der Placemat-Methode.
Übrigens: Nutzer des Medienportals (www.medienzentralen.de können die besagte Ausgabe des „entwurf“ auch online sehen bzw. herunterladen.
Zum Thema NS-Zeit ist auch der vielfach ausgezeichnete Klassiker „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ von Art Spiegelmann (Signatur 800 B Spie 1 + 2) zu nennen, der die Geschichte des Holocaust aus der Sicht seines Vaters Wladek, ein Auschwitz-Überlebender, darstellt. Die im Stil eines Underground-Comics durchgehend schwarz-weiß gezeichneten Erinnerungen werden fabelmäßig verarbeitet, also Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen, Amerikaner als Hunde usw. Durch diese Tiermetapher wird der Abstand zum Grauen der NS-Zeit gewahrt.
„Jesus – sein Leben als Comic“ (Signatur 220.9 Jean) erzählt die gut bekannte Geschichte von Jesus Christus in enger Anlehnung an den biblischen Text und mit Bildern und einer Kolorierung, die sich auf das Nötigste beschränkt und dennoch abwechslungsreich die Lebensetappen Jesu nachzeichnet. Somit ist der Comic gut geeignet, um einen ersten Einstieg in die Evangelien zu finden, besonders für Jugendliche, die oftmals vor langen Texten zurückschrecken.
Im japanischen Zeichenstil aufgemacht ist der„Manga Messias. Wird er unsere Welt retten oder zerstören?“ (Signatur 220.9 Kuma). Auch hier ist gerade für jüngere Leser*innen der Zugang zu Jesu Leben leichter nachzuvollziehen. Theologische Fachleute hingegen kritisieren die vereinfachte Darstellung und die Verwendung historischer Klischees. Aber letztlich kann ein Comic nur einen Einstig ins Thema eröffnen.
50 spannende Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament finden sich in „Die Graphic Novel Bibel“ (Signatur 220.5 Brou), die einen anderen Zugang zu den biblischen Erzählungen eröffnet. Zeichnerisch und textlich unterstützt, mit Humor, aber nie ohne Respekt hilft diese Bibelausgabe gut, in die biblische Zeit einzutauchen.
Die niederländische Cartoonistin Willeke Brouwer schafft es, auf knapp 450 Seiten das vermeintlich Wichtigste aus der Bibel herauszudestillieren. Statt der kanonisierten Bücher der Bibel sind bedeutende Ereignisse und Akteure – und zwar ausgewogen weibliche und männliche – zu finden. Das verschafft auch Nichtkenner*innen eine gute Orientierung. Die Geschichten werden von moderner Sprache getragen, was besonders für jüngere Leser*innen besonders motivierend ist. So lassen sich von der Lehrkraft einzelnen Bibelgeschichten herauskopieren und im Unterricht einsetzen.
Der bekannte Kindercomic „Das weiße Mäuslein. Ein Comic gegen Ausgrenzung und Mobbing“ (Signatur 370.115 K Lind) befasst sich mit viel Gefühl mit den Themen Ausgrenzung und Mobbing. Nicht zufällig ist es von der Geschichte des „hässlichen Entleins“ inspiriert und trägt die Botschaft für Kinder, das eigene Selbstvertrauen zu stärken.
Zu dem mit dem katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2023 versehene Titel „Völlig meschugge?!“ von Andreas Steinhöfel (Signatur 800 B Stei) gibt es ein umfangreiches Unterrichtsvorhaben für die Sekundarstufe 1.
Dieses findet sich in: Religion unterrichten "Religion trifft Kultur", 2/2025, S. 35-72, PDF frei zugänglich über medienzentralen.de oder hier (Open Access).
Unter dem Titel „Freundschaft ohne Grenzen?! Was wir aus ‘Völlig meschugge?!‘ über religiöse Vielfalt lernen können“ beschäftigt sich der 37seitige Entwurf mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Religion und wie Schüler*innen selbst mit religiöser Vielfalt umgehen können.
Um den Umgang mit Erinnerung aus der Nazizeit geht es in der Graphic-Novel „Eine Reise Nach Gurs“ (Signatur 900 Buts). Eine Gruppe Schüler*innen aus Freiburg macht sich auf den Weg in das ehemalige Internierungslager Gurs in den französischen Pyrenäen. 1939 als Lager für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Spanien errichtet, wurden ab 1940 dort überwiegend von den Nazis „unerwünschte“ oder „politische“ Menschen inhaftiert, u.a. auch die bekannte Philosophin Hannah Arendt, der allerdings die Flucht gelang. Das Schülerprojekt setzt sich mit der NS-Zeit, dem bedrückenden Lagerleben auseinander, befragt Zeitzeugen und studiert Dokumente aus dieser Zeit, behutsam illustriert in einem Comic-Stil. Das 70seitige Buch verweist mithilfe von QR-Codes auf Unterrichtsbeispiele und Arbeitsblätter, um es im Unterricht (Sek 1+2) effektiv einsetzen zu können.
Vornehmlich mit den theistischen Religionen beschäftigt sich das Von Frédéric Lenoir geschriebene und Anne-Lise Combeaud im Comic-Stil humorvoll gezeichnete „Oh Gott! Über Religionen, Gottheiten und den Glauben auf der ganzen Welt“ (Signatur 200 Leno). Das Buch beginnt im Jahre 90.000 vor Christus, wo noch niemand an Gott dachte. Es handelt davon, wie sich im Laufe der Zeit und der Entwicklung der Menschheit sich das Gottesbild gewandelt hat.
Weitere, lohnenswerte Literatur zum Thema Comics:
- „Bibel-Comics für die Grundschule“ (Signatur 268.44 Sche 2024)
- „Comics und Religion. Das Medium der "Neunten Kunst" in der gegenwärtigen Deutungsstruktur“ (Signatur 268.04 Pth 44)
- Die „Weltentwürfe im Comic/Film“ (Signatur 268.022 RFM 2)
Alexander Schmidt