Karen Köhler: Himmelwärts. Mit Bildern von Bea Davis. München: Hanser 2024, 192 S., 19,00€; ISBN 978-3-446-27922-3 [ab 10 Jahren].
Das Buch kann im Belletristik-Regal in der Religionspädagogischen Medienstelle eingesehen und dort auch ausgeliehen werden.
Muss man ein Buch noch loben, das in diesem Jahr sowohl mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis als auch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch ausgezeichnet wurde?
Unbedingt, denn Karen Köhler bringt auf unnachahmliche Weise, mal witzig, federleicht und beschwingt, mal ernst, tiefgründig und berührend, die Fragen nach Sterben und Trauer so worterfinderisch zur Sprache, dass ich von Seite zu Seite staune, wie gut das alles zusammengeht.
Die 10-jährige Toni (Pepperoni) trauert, so erfahre ich als Leser sehr bald und nach und nach detaillierter, um ihre an Krebs verstorbene Mama. Der selbst tieftraurige Papa gibt sein Bestes, kann aber auch nur begrenzt helfen. Toni leidet an großer „Vermissung“, doch hat – Gott sei Dank - mit ihrer besten Freundin YumYum das ideale, immer neugierige, kluge, einfühlsame Gegenüber. In einer einzigen erzählten Nacht begleite ich den abenteuerlichen Plan der beiden, in einer geheimen Zelt-Aktion im Garten mit einem selbst gebastelten kosmischen Radio Kontakt zur Mutter aufzunehmen. Es gelingt tatsächlich, Funkkontakt zu der Astronautin Zanna (inspiriert von der wirklichen Astronautin Suzanna Randall) aufzunehmen, die in der ISS-Raumstation im 80-Minuten–Takt die Erde umrundet. So finden mehrere einfühlsame Gespräche statt.
Immer wieder spricht mich Toni direkt an und denkt immer weiter nach über alles, was war, was ist und was kommt. Das geschieht in zehn rückwärts gezählten Kapiteln, denn: „Vielleicht ist dein ganzes Leben ein Countdown, und Null ist dann der Moment, in dem du stirbst.“ (S. 9)
Gedankensplitter
Dazwischen fügt sie immer wieder Erinnerungs-Gedankensplitter in „Tonis Notizbuch“ ein, die meistens in Wie-Sätzen zurückblicken: „Wie sie mich immer umarmt hat. Und mich ganz fest an sich gepresst hat. … YumYum sagt, das ist wie Phantomschmerzen … dass ich noch immer glaube, sie zu fühlen.“ (S. 83). Weitere einfühlsame Unterbrechungen sind die wunderbaren Illustrationen von Bea Davis, die die Worte kommentieren, ergänzen und auf poetische Weise eigenständig weiterführen.
Wenn Toni die Härte der Situation erfasst und feststellt: „Ich glaube, sie ist einfach weg! Tot und weg!“, ist es YumYum, die ganz ruhig mit Fakten tröstet: „Das geht gar nicht, Toni. Sie kann gar nicht weg sein. Im Universum geht keine Energie verloren. Ist so. Ist Gesetz. In einem abgeschlossenen System ist die Summer aller Energien konstant. Die Gesamtenergie bleibt erhalten. Wikipedia.“ (S. 31)
Philosophieren mit Snacks und über Verlusterfahrungen
In dieser Nacht wird viel Süßes gefuttert (Snacks, Marshmallows, Chips usw.) und dabei philosophiert mit zu Herzen gehenden Erfahrungen des Verlustes: „Verrückt, wie einfach alles weitergeht, also sei überhaupt nichts passiert. Wie einfach weitergeht, die Erde sich weiterdreht, Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge, Monde nehmen ab und wieder zu, es einfach so Sommer, ohne dass ich es anhalten könnte, dabei möchte ich die ganze Welt anhalten. Die Zeit anhalten. Die Sterne anhalten. Ich möchte, dass diese falsche Ohne-Mama-Welt stillsteht.“ (S. 31f)
Und so könnte ich ständig Passagen zitieren, die tiefsinnigen und die urkomischen Gedankengänge, da es der beste Weg ist, dieses Buch vorzustellen. Noch besser aber ist, es selbst zu lesen und die Reise durch die Nacht nachzuempfinden.
Das Buch breitet keine explizit christliche Botschaft aus, ist manchmal radikal realistisch, jedoch von einer Zuversicht getragen, dass das Leben mit dem Tod nicht endgültig vorbei ist. Und so endet - nachdem der Vater ins Zelt zu Toni kommt, nicht wegen der Geheimaktion schimpft, sondern sich als Trösten-Note eine „Eins mit Sternchen“ verdient - die letzte Notiz mit Worten voller Hoffnung: „Wie Mama mir gesagt hat, dass sie mich liebt und immer lieben wird, auch über den Tod hinaus. Und dass wir in der Liebe unsterblich sind … Und dass sie dankbar ist für jeden Augenblick mit mir. Und dass wir die Möglichkeit hatten, uns zu verabschieden, wie kostbar das für sie ist. ‚Was für ein Glück, dass wir uns hatten, Toni-Pepperoni. Ich werde dich so vermissen.‘“ So steht am Ende des Buches über Tonis große Vermissung die von der sterbenden Mutter vorweggenommene große Vermissung Mamas: Was für ein feiner Ausblick mit Hoffnung auf ein Wiedersehen und die Liebe, die immer bleiben wird!
Rainer Oberthür