Was verbindet Mariawald beispielsweise mit Ophoven und Wenau oder auch mit Bottenbroich und Bödingen? Für die Menschen in Mittelalter und Früher Neuzeit hätte es auf der Hand gelegen, dass es sich um Gnadenorte handelte, die dazu einluden, sich im Rahmen gemeinsamer Wallfahrten oder auch individuell auf den Weg zu machen und im Gebet vor wundertätigen Marienbildern ihre Anliegen vor Gott zu bringen.
Auffällig ist hierbei, dass es sich um mittelalterliche Gnadenbilder handelt, die noch im 17./18. Jh. eine besondere Anziehungskraft besaßen und dies, obwohl seinerzeit auch im Rheinland eine Faszination von kleinformatigen Druckgraphiken wie dem in Kevelaer seit 1642 verehrten Kupferstich ausging. Galten demgegenüber die erhaltenen mittelalterlichen Gnadenbilder des Rheinlands angesichts von Reformation und Gegenreformation als Zeugen einer großen kirchlichen und kulturellen Vergangenheit? Eine besondere Wertschätzung wurde jedenfalls solchen Bildern durch ihre häufige „Modernisierung“ zuteil, indem sie in frühneuzeitliche Kirchenausstattungen integriert, mittelalterliche Gnadenretabel barockisiert oder gleich die Figuren selbst dem Zeitgeschmack entsprechend überschnitzt, überfasst oder mit zeitgemäßen textilen Gewändern bekleidet wurden.
Gandenorte strahlen in die Region aus
Die Gnadenorte existierten jedoch nicht isoliert, sondern strahlten in die Region hinein, indem sie Gläubige, potente Stifter und geistliche Förderer aus nah und fern anzogen. Gab es also womöglich lokale Netzwerke kleinerer Wallfahrten zu älteren Bildwerken und in welchem Verhältnis standen sie zu den großen Wallfahrtszielen in Aachen, Kornelimünster, Düren und Köln?
Diesen und anderen Fragen geht die Kunsthistorikerin Dr. Vera Henkelmann im Projekt „Mittelalterliche Gnadenbilder in der Barockzeit im Erzbistum Köln“ nach. Dieses ist an den Staatlichen Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, angesiedelt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Ziel ist es, die Rolle nachtridentinischer Bildwallfahrten im Rheinland in den beiden Jahrhunderten vor der einschneidenden sog. Franzosenzeit (1794–1814) aufzuzeigen und zu klären, welchen Anteil dabei mittelalterliche Gnadenbilder an der Ausbildung eines regionalen Selbstverständnisses besaßen. So wird es möglich sein, die auch heute noch aktuelle Frage zu untersuchen, wie eine vielschichtige Gesellschaft mit einem komplexen materiellen und religiösen Erbe umging, das trotz oder aufgrund seines Alters hohe inhaltliche und rechtliche Aktualität besaß.
Spezialbibliotheken wie die Diözesanbibliothek im Katechetischen Institut Aachen sind hierbei ein zentraler Ort der Recherche. Sie ergänzen das Angebot von Universitätsbibliotheken und Archiven, indem sie einen enormen Bestand an vor allem ortsspezifischen und regionalen Publikationen besitzen und diesen in einem professionellen Rahmen Forschenden zugänglich machen.
Kontakt: Dr. Vera Henkelmann V.Henkelmann@smb.spk-berlin.de