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Eine katholische Kindheit

Datum:
Mi. 24. Juni 2026
Von:
Alexander Schüller

Lesenswert

Anton A. Bucher: Katholische Kindheit. Erinnerungen an eine verschwindende Welt. Ostfildern: Patmos 2026, 207 S., 20,00 €; ISBN 978-3-84361637-9.

Das Buch kann in der Religionspädagogischen Medienstelle eingesehen und dort auch ausgeliehen werden, Signatur 920 Buch.

Anton A. Buchers Erinnerungsbuch an die verschwindende katholische Welt seiner Kindheit und Jugend ist keine Nostalgie. Dafür ist Bucher zu sehr empirischer Religionspädagoge und besitzt einen zu neugierigen, wachen und obendrein psychologisch geschulten Blick auf individuelle und soziale Entwicklungsprozesse. Sein Buch ist aber auch keine zornige Abrechnung, die das Verschwinden jener Welt für richtig erklärt und vielleicht zu beschleunigen sucht.

Dafür ist Bucher – auch mit 66 Jahren – zu sehr in der katholischen Welt verwurzelt. Sein Erinnerungsbuch beschreibt diese Welt – nicht ohne Freimut, Engagement und persönliche Bewertung, wie es sich für eine Autobiografie nun einmal gehört. Aber es will deutlich machen, dass das Verschwinden dieser Welt sowohl Vor- als auch die Nachteile besitzt. 

In sieben Kapiteln plus einer Einleitung und einem Nachwort schildert Bucher chronologisch seine Kindheit und Jugend bis zur Entscheidung für das Studienfach Katholische Theologie. Er geht dabei zuerst auch auf das katholische Milieu ein, aus dem seine Eltern und Großeltern stammen, und betrachtet zu guter Letzt – verdichtet u.a. am Beispiel seiner Geschwister, Kinder und Enkel – die gegenwärtige Entkatholisierung der Schweiz und Europas.

Keine Nabelschau
Das Buch ist wie jede autobiografische Darstellung auf die Person des Autors fokussiert, aber es ist keineswegs eine Nabelschau. Die persönlichen und familiären Erinnerungen werden vielmehr in den jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext eingeordnet, sodass sie über das bloß Individuelle hinaus einen repräsentativen Charakter gewinnen. Dabei muss man allerdings wissen, dass die geschilderte Welt keine städtische, stellenweise säkularisierte Welt ist. Es ist der bäuerliche, tief katholische Kosmos eines Schweizer Dorfes im Kanton Luzern, der zu den Hochburgen des Schweizer Katholizismus gehörte, bestimmt durch einen strukturierten Tagesablauf, regelmäßige Gebete, die Sonntagspflicht inkl. Christenlehre, den Rhythmus des Kirchenjahres und eine Volksfrömmigkeit, deren Grenzen zum Aberglauben ziemlich durchlässig waren.


Abschied vom Teufel

Dazu ein Beispiel, das zugleich die Machart des Buches erkennen lässt: Bucher erzählt davon, dass ihm als Kind von den Großeltern eingeschärft und gleich mit einer passenden Legende belegt worden sei: Du darfst ein Messer nicht mit der Spitze nach oben halten, da es Gott verletzen und wütend machen könnte. Auf diese autobiografische Erinnerung folgt ohne überbrückenden Kommentar eine Passage, die sich mit der Diskussion um Herbert Haags „Abschied vom Teufel“ befasst. Das Buch wurde, wie Bucher ausführt, nicht nur von Papst Paul VI. abgelehnt, sondern auch vom eigenen Großvater: „Wenn die Menschen nicht mehr an die Hölle glauben, haben sie keine Angst mehr und machen, was sie wollen.“ (S. 85) Es ist diese Angst, die Bucher in seinem Buch aufs Korn nimmt, eine Perversion des Glaubens – und für ihn selbst eine „Schlüsselerfahrung von Kirche und Katholizität“ für Sozialisationsverläufe in seiner Kinder- und Jugendzeit (S. 107). Die erste, häufig angstvoll und mit Schulgefühlen erwartete Beichte hat Bucher allerdings ganz anders im Gedächtnis behalten.

Lossprechung von den Sünden als Glück
Die Lossprechung von den Sünden habe er seinerzeit als „[u]nbeschreibliches Glück“ erfahren, und auch an die Wallfahrten erinnert er sich bis heute als Glücksmomente. Sie gaben dem Leben und Denken des Heranwachsenden Struktur und schenkten ihm neue Eindrücke und neues Wissen – und damit zugleich die Möglichkeit, sich die gegebene Ordnung kreativ anzueignen, ja sie sogar in Freiheit zu transzendieren. 

In Buchers Erinnerungen ist an vielen Stellen zu spüren, dass die Berufung auf jede fixe, zumal jede religiös begründete Ordnung Menschen einerseits befreien und andererseits bedrücken kann. Sie kann bedrücken, wenn sie den Blick für das Notwendige, die „Zeichen der Zeit“, verstellt und z.B. wie bei den Großeltern patriarchale Familienstrukturen zu rechtfertigen hilft und dadurch zementiert. Und sie kann befreien, wenn sie Menschen im Vertrauen auf Gott dazu ermutigt, mit den Wechselfällen des Lebens zurecht zu kommen und nicht an ihnen zu verzweifeln. Ein Beispiel für diese Ambivalenz der Ordnung schildert Bucher im Abschnitt über den ‚ersten Sarg im Bauernhaus’. Die Großmutter, lesen wir, ist verstorben, und der Großvater klagt einerseits darüber, dass seine Frau ohne die letzte Ölung gestorben sei. Und doch fühlt er sich andererseits dadurch getröstet, dass sie an einem Herz-Jesu-Freitag gestorben sei. 

Der Mensch könne und müsse er selbst werden
Freiheit und Ordnung sind für Bucher die beiden Pole, zwischen denen jedes Leben sich zu bewegen und zu bewähren hat. Vor diesem Hintergrund schildert er die Begegnung mit Hermann Hesses „Siddhartha“ und der darin entfalteten Lebensphilosophie als eine Offenbarung. Der Mensch müsse - und könne – er selbst werden, ein einzigartiges Individuum: Das ist der biographische Kernauftrag für jeden Menschen, zu dessen Erfüllung die religiöse und entwicklungspsychologisch sich gestuft verändernde religiöse Bindung ihren Beitrag leisten kann – nicht bei jedem, nicht einmal bei den Kindern und Enkeln eines Theologen, aber eben doch bei einigen. Die kirchliche Sozialisation ist dafür ein Ermöglichungsgrund wie bei Bucher selbst, aber anders als in jener verschwindenden Welt keine Garantie. 

Es ist ein entscheidender Vorzug des Buches, dass Bucher sich konzeptionell und inhaltlich um Brückenschläge bemüht. Es bindet die Erkenntnisse der empirischen Religionspädagogik zurück an seine konkrete Biografie und verknüpft so Theorie und Praxis, eigene Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu einer anschaulich geschriebenen Lebensgeschichte. Und es zeigt, dass das katholische Milieu des 20. Jahrhunderts nicht verklärt, aber auch nicht verworfen werden darf. Beides, Rückwärts- und Fortschrittsobsession, nimmt den Blick für die Grautöne, mit Hartmut Rosa gesprochen: für die Situationen, die freie Entscheidungen zwar erschweren, aber überhaupt erst ermöglichen.

Alexander Schüller