Benoit d’Halluin: Ein Schrei im Ozean. Übersetzt von Paul Sourzac. Düsseldorf: Karl Rauch-Verlag 2025, 440 S., 26,00 €; ISBN 978-3-7920-0296-4.
Das Buch kann im Belletristik-Regal in der Religionspädagogischen Medienstelle eingesehen und dort auch ausgeliehen werden.
Wie ein wunderbarer Einband mich zum Skandal heutiger Sklaverei führte
Selten hat mich ein Buch so nachhaltig aufgewühlt, mich beschäftigt und mir in einem bisher völlig unbekannten Problem die Augen geöffnet! „Ein Schrei im Ozean“ wurde mir nicht empfohlen.
Am Anfang meiner Entdeckung stand die Faszination für den eindrucksvollen Umschlag und die verlagstypisch aufwendige Gestaltung, Haptik und Fadenbindung mit Lesebändchen: Das wogende und tosende Meer, gedruckt auf einem strukturierten Papier, die geprägten Buchstaben von Titel und Autor, das alles hat eine unwiderstehliche Wirkung: ein Buch, dass ich anfassen möchte und dessen Lektüre mich dann angefasst hat!
Moderne Sklaverei
Die komplexe und bis zum Ende spannende, dramatische Geschichte will ich hier nur andeuten, um nicht zu viel vom Leseerlebnis wegzunehmen: Es geht vor allem um eine (mir zumindest) kaum bekannte Form moderner Sklaverei, über die wir in den Nachbemerkungen des Autors lesen: „Für Thailand etwa, dass die viertgrößte Fischereiflotte der Welt besitzt, schätzt die Environmental Justice Foundation, dass 200.000 der 650.000 Fischer Zwangsarbeiter sind.“ Benoit d’Halluin unterstreicht, dass hinter seiner Eingangsbemerkung „nach wahren Begebenheiten“ eine intensive Recherche steht, die zu dieser Geschichte als Summe dutzender Berichte und Zeugenaussagen geführt hat, die auch am Ende aufgeführt sind.
Darüber hinaus entfaltet der Autor eine Geschichte der gefährdeten Liebe zweier Menschen und ein komplexes Familiendrama. Immer wieder geht um die Fragen, was im Leben wirklich zählt, was uns persönlich Sinn gibt und was gut ist für die Welt, in der wir leben, für die Menschen, die Tiere und die Natur.
Großartige Komposition
Erzählt wird in zahlreichen, meist nur 4-6 Seiten langen Abschnitten aus den verschiedenen Perspektiven der Haupthandlungsträger: zum einen auf der „Gegenwartsebene“ wechselnd mit dem Focus auf Arun, Olivier und Sophia, die Ende 2023 beginnt und September 2024 endet, zum anderen aus der Vergangenheit mit Focus auf Sophie, die Mai 1983 mit einem dramatischen Ereignis in der Familie beginnt und sich nach und nach immer weiter an die „Gegenwart“ herantastet. Ein Prolog und ein Epilog rahmen diese großartige Komposition in 5 Teilen, die in Pattaya, Paris, Nizza, der französischen Atlantikinsel Ile d’Yeu und wieder Pattaya angesiedelt sind. So erfahren und verstehen wir nach und nach immer mehr die Charakterzüge und Beweggründe der Handelnden in der Gegenwart. Die Lektüre ist in Teilen keine leichte Kost, zumal die Brutalität auf den Schiffen nicht einfach erfunden ist, aber bis zum Ende bleibt trotz aller Trostlosigkeit immer wieder ein Lichtstrahl der Hoffnung.
In seinem Roman gelingt Benoit d’Halluin das Kunststück der Verbindung von hoher Literatur und aktueller politischer Thematik. Wer diese eindrückliche Geschichte bis zum Ende atemlos liest, erhält schließlich noch Hintergründe und unaufdringliche Hinweise zum persönlichen Verhalten. Am Ende (des Buches und auch hier) noch einige der Fakten, die bei mir nachhaltig in Erinnerung bleiben: Gesunde Ozeane produzieren 50 % des Sauerstoffs, den wir atmen, nehmen 90 % der durch Treibhausgase erzeugten überschüssigen Wärme auf und regulieren die Wasserkreisläufe, ohne deren Niederschläge es keine funktionierende Landwirtschaft geben kann. Die Wissenschaft ist sich einig, dass die Überfischung die größte Bedrohung darstellt und schon in gut 20 Jahren die Fischbestände völlig zusammenbrechen können, mit unabsehbaren Folgen. Die Fangmethoden sind neben der Überfischung verheerend: So verursacht die Tiefseefischerei mit Grundschleppnetzen mehr CO2-Schäden als der gesamte Flugverkehr. Wie der Autor zitiere ich zuletzt die Ozeanografin Sylvia Earle: „Der Ozean ist das Echo unserer Existenz: gewaltig und zerbrechlich zugleich. Ohne ihn sind wir nichts.“
Rainer Oberthür