Annette Jantzen: Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird. Freiburg, Basel, Wien: Herder Verlag. 2026, 304 Seiten, 24,00 €, ISBN 978-3451025464.
Das Buch ist in der Diözesanbibliothek unter der Signatur 74 777 einseh- und ausleihbar.
Woran erkennt man eine tüchtige Frau? Das Buch der Sprichwörter versucht sich an einer Antwort auf diese nicht eben leichte Frage. Sie ist im 31. Kapitel nachzulesen und kommt auch im Gottesdienst zu Gehör: Die tüchtige Frau spinnt und webt; sie hilft Armen und Bedürftigen und besitzt das Vertrauen ihres Mannes. Diese Aufzählung erscheint seltsam kurz – und sie ist es auch, nicht nur, weil die strikte Beschränkung der Frau auf die Sphäre des Hauses uns heute mehr zu irritieren als zu inspirieren weiß, sondern auch aus einem textkritischen Grund.
Bei der Lesung werden etliche Eigenschaften verschwiegen, die das Buch der Sprichwörter einer tüchtigen Frau attestiert: Sie ist stark, gütig und gerecht; sie spricht voll Weisheit und wird geachtet, auch weil sie bis in die Nacht hinein arbeitet und alles für das Wohlergehen der Ihrigen tut. Wenn nötig, kauft sie sogar einen Acker und pflanzt dort eigenhändig Wein an. Doch nichts von alledem erfahren die Menschen, denen die Perikope im Gottesdienst vorgetragen wird.
Annette Jantzen, der Selbstbezeichnung nach evangelische katholische Theologin, stellt die allegorische Figur der tüchtigen Frau ans Ende ihres neuen Buches. Es ist Gipfelpunkt und Brennspiegel ihrer Studie zu den ignorierten Frauen der Bibel. Denn die Verkürzung der Perikope aus dem Buch der Sprichwörter erscheint Jantzen paradigmatisch dafür, wie jene Männer – 40 Bischöfe und Kardinale und ca. 150 beratende Experten – mit den Frauen der Bibel umgegangen sind, als sie nach dem Zweiten Vatikanum die römisch-katholische, bis heute gültige Leseordnung erarbeiteten. Sie haben die Stelle, so Jantzens Befund, instrumentalisiert und banalisiert, um „das katholische Frauenbild“ zu tradieren (278f.).
Nur ein Drittel der Bibel konnte in die Leseordnung aufgenommen werden
Auf den beinahe 270 Seiten, die diesem zugespitzten, aber einleuchtenden Befund vorausgehen, forscht Jantzen nach ähnlichen Eingriffen in den Bibeltext, zeigt deren Konsequenzen auf und stellt weitere Vermutungen über die Beweggründe der Redakteure an. Die wichtigsten Ergebnisse fasst sie bereits in der Einleitung zusammen. Zunächst: Der redaktionellen Auswahl – nur ca. ein Drittel der Bibel konnte in der Leseordnung berücksichtigt werden – sind etliche Frauen zum Opfer gefallen, die meisten aus dem Ersten Testament, das für die Redaktoren ohnehin nicht mehr als ein „Stichwortgeber“ für das Zweite Testament gewesen sei (14). Keine einzige Geschichte der 60 Frauen, von denen das Erste Testament mehr als nur den Namen nenne, werde vollständig erzählt. Oft habe man den Text derart stark gekürzt, dass die Frauen einseitiger und negativer erschienen als im biblischen Text, während man umgekehrt die Männer durch Kürzungen in ein günstigeres Licht gerückt habe. Doch damit nicht genug: Zwei Drittel der Frauen aus dem Ersten Testament kämen überhaupt nicht in den Texten der drei Lesejahre vor. Für den Gottesdienst am wichtigsten Tag, dem Sonntag, beschränke sich die Leseordnung für den Durchgang durch das Erste Testament sogar auf nur drei Frauen: Eva, Sara und die Witwe von Sarepta. Auch im Hinblick auf die Auswahl aus dem Zweiten Testament stellt Jantzen fest, dass die Redakteure der Leseordnung bei den Frauen gekürzt hätten, vor allem dort, wo sie zu einem langen Evangelium eine optionale Kurzfassung erstellt hätten. Besonders auffällig: Die direkten und indirekten Reden von Frauen in der Apostelgeschichte seien derart zusammengestrichen worden, dass Verkündigung wie eine „Männersache“ wirke (17).
In den beiden Hauptkapiteln ihres Buches entfaltet, begründet und präzisiert Jantzen die Thesen, die sie in der Einleitung z.T. schon formuliert hat. Anhand zahlreicher und ausführlich erörterter Beispiele versucht sie z.B. deutlich zu machen, dass gerade „Geschichten mit Ermutigungspotential“ (14) von den Redakteuren ignoriert oder gekürzt worden seien. Dazu richtet sie den Blick zuerst auf alle Frauen des Ersten Testaments, die in der Leseordnung eine Rolle spielen, und dann auf die Frauen des Zweiten Testaments. Auslassungen, weibliche Gottesbilder und allegorische Frauenfiguren bleiben unberücksichtigt – bis auf den paradigmatischen Fall der tüchtigen Frau. Methodisch geht Jantzen in ihrem Buch so vor, dass sie den biblischen Text nacherzählt und dabei mit dem Abschnitt der Leseordnung vergleicht. Wichtige Stellen werden exegetisch ausführlicher kommentiert, sehr häufig in Anlehnung an die Arbeiten Irmtraud Fischers. Zwar begründet Jantzen nicht eigens, warum sie auf eine exemplarische Illustration ihrer Thesen verzichtet und sich stattdessen der Reihe nach allen Frauenfiguren widmet; aber ihre Entscheidung ist selbst ohne Begründung nachvollziehbar. Keine der Frauen, die die meisten Menschen lediglich aus dem Gottesdienst kennen dürften, soll ein weiteres Mal – und wenn auch nur an einem bestimmten Punkt ihrer Geschichte – ignoriert werden.
Leseordnung klammert entscheidende Abschnitte aus
Das klarste Beispiel dafür, dass die Auswahl der Leseordnung dem Ermutigungspotential der biblischen Referenztexte nicht gerecht wird, ist Hagar, die Mutter Ismaels. Bei ihr klammert die Leseordnung ausgerechnet die entscheidenden Abschnitte aus. Erstens: die göttliche Zusage der unzählbaren Nachkommenschaft, die Hagar zur einzigen Frau in der Hebräischen Bibel macht, die „zu einer Stamm-Mutter wird“ (47). Und zweitens: ihre ureigene Gotteserfahrung, die sogar in einem Namen kulminiert: „Du bist der Gott, der mich sieht.“ Das Spezifikum des Textes, Hagars „Würde als Gottes-Gesehene“ (50), gehe durch diese gezielten Streichungen verloren, so Jantzen. Damit verschwindet nicht nur die erste theologische Aussage eines Menschen aus dem kollektiven Gedächtnis, wie Jantzen nachweist, sondern auch ein Gottesname, der in der Tat ein enormes Ermutigungspotential besitzen könnte – gerade, wie man hinzufügen darf, in einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz). Auch bei anderen Frauen streichen die Redakteure wesentliche Passagen oder erstellen für die Leseordnung eine tendenziös redigierte Version der jeweiligen Perikope – so bei Eva, die nach Jantzens Analyse als Negativfolie für Maria diene und deshalb als Verführerin erscheine.
Oder bei Susanna, deren erniedrigende Entschleierung während des Gerichtsprozesses von den Redakteuren ausgeklammert werde, sodass der Eindruck entstehe, Susanna sei mit dem Schrecken davon gekommen. Dass die Redakteure die Geschichte von der Salbung Jesu durch die Frau ausgerechnet in der lukanischen Fassung in die Leseordnung aufgenommen haben, der einzigen Fassung, in der diese Frau als Sünderin vorgestellt wird, ist für Jantzen bezeichnend. Denn es belegt: In der Leseordnung spiegelt sich das negative Frauenbild der Redakteure. An diesem Beispiel wird zugleich deutlich, dass die Auswahl der Leseordnung an bestimmte Deutungstraditionen anknüpft, die Jantzen nicht überall so engagiert herausarbeitet wie bei Eva.
Eine wichtige ideologiekritische Untersuchung
Zugegeben: Nicht alle Thesen in diesem Buch vermögen restlos zu überzeugen (z.B. Rebekka erweist sich Abraham als ebenbürtig, indem sie sich zum Aufbruch aus ihrer Heimat entscheidet). Doch das ist nur eine marginale Kritik. Jantzens Buch ist eine wichtige ideologiekritische Untersuchung. Auf wunderbar engagierte Weise vermag es Jantzen, uns neu zu Bewusstsein zu bringen, welche Blick- und Denkweite sich eröffnet, wenn wir die Bibel als Begegnungsraum verstehen statt sie zu benutzen, um unser Welt- Menschen- und Kirchenbild so dicht verschlossen zu halten wie die Leseordnung im Fall der tüchtigen Frau aus dem Buch der Sprichwörter.
Alexander Schüller