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Die geleugnete Natur

Datum:
Di. 13. Okt. 2026
Von:
Heribert Körlings

Lesenswert

Abigail Favale: Die geleugnete Natur. Warum die Gender-Theorie in die Irre führt. Freiburg: Herder-Verlag 2024, 272 S., 26,00 €; ISBN 978-3-451-39628-1.

Im ersten Kapitel mit dem ironischen Titel „Häretikerin“, ihrem eigenen Werdegang, stellt die Autorin fest, dass Unterscheidungen notwendig sind, und veranschaulicht ihre Überzeugung durch einen interessanten biografischen Rückblick. Nachdem sie wichtige eigene Lebensstationen mit der Konversion zum Katholizismus erzählt hat, bietet Favale eine Darstellung der Auffassung von der Schöpfung im Buch Genesis, die sie nicht nur mit anderen antiken Schöpfungsmythen – vom babylonischen „Enuma Elisch“ bis zu Platons „Timaios“ – vergleicht, sondern auch mit dem Genderparadigma. 

Jüdisch-christlich kennzeichnet die sexuelle Differenzierung jede menschliche Person. Die Unterschiedlichkeit wird den Mitmenschen durch den Körper bekannt. Der größte Unterschied zwischen der religiös begründeten Anthropologie und der Genderperspektive besteht in der gegensätzlichen Auffassung vom Verhältnis zwischen der Sprache und der Wirklichkeit.

Im Schöpfungslied (Gen. 1, 1, - 2,4a) bringt Gottes Sprechen die Wirklichkeit hervor. Die menschliche Sprache kennzeichnet lediglich das, was zuvor von Gott geschaffen worden ist. Im Gegensatz dazu gehen die meisten Gendertheorien davon aus, dass die Realität eine sprachliche und soziale Konstruktion des Menschen ist: Die menschliche Sprache schafft die Wirklichkeit, anstatt diese lediglich zu benennen. 

Formen feministischen Denkens
Aufbauend auf diesem zentralen Unterschied, werden im Mittelteil des Buches verschiedene Formen feministischen Denkens vorgestellt. Diese sind nicht nur miteinander, sondern auch mit der christlichen Auffassung in Beziehung gesetzt und kontrastiert.
Sehr einfühlsam erzählt Abigail Favale im letzten Abschnitt von Männern und Frauen, die sagen, dass sie durch Gender Schaden genommen haben. Sie betont, dass Transidentitäten eine Sehnsucht nach Integration signalisieren, bei dem der Körper die Ganzheit der Persönlichkeit widerspiegelt. 

Die Autorin bestätigt den positiven Wunsch nach Integration, betrachtet es aber als problematisch, diese durch Kunstgriffe erreichen zu wollen. Sie ruft vielmehr dazu auf, Menschen, die sich als Transgender bezeichnen, als geliebte Kinder Gottes anzunehmen. 
Im verständnisvollen Umgang miteinander kann der Beziehungsraum entstehen, um das eigene Selbst zu entdecken. An die Stelle der Ablehnung der eigenen Identität können Möglichkeiten der Persönlichkeitsentfaltung in den Blick kommen.
Indem sie persönliche Erzählungen und theologische Aspekte miteinander verbindet, legt Abigail Favale beachtenswerte Impulse nicht nur in der Genderdebatte, sondern auch im Miteinander von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung vor.

Abigail Favales Buch provoziert, nicht zuletzt wegen der dezidiert religiös begründeten anthropologischen Position. Es kann dazu dienen, sich im kontroversen Gespräch mit der Gendertheorie, ihrer Begründung und ihren möglichen Folgen auseinanderzusetzen.

Heribert Körlings