Dimitré Dinev: Zeit der Mutigen. Ein Jahrhundertroman. Zürich: Kein & Aber 2025, 1152 Seiten, 36,00 €; ISBN 978-3036950792.
1100 Seiten über Menschen zwischen 1914 und 1991 in Österreich und Bulgarien – kann ein Roman gelingen, der ein Personal aus verschiedenen Hintergründen vorstellt, mit ihnen durch Zeiten der Veränderung geht, die lebensentscheidende Fragen stellen?
Ja, es gelingt Dinev, uns Lesern Frauen und Männer zu zeigen, die in Diktaturen leben, handeln, überleben, neue Anfänge probieren. Handwerker und Zigeuner in Österreich und Bulgarien erfahren Unterdrückung, scheitern, leisten Widerstand, geben das Signal: Es ist nicht einfach, ein moralisches Wesen zu werden und zu bleiben. Aber wenn wir von Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit sprechen, dann sind wir mitten in der Zeit der Mutigen.
Diktaturen enden nicht von allein, sie verändern sich nicht von innen, das erfahren die Protagonisten schmerzhaft. Dinev macht aber Mut, denn Freundschaft, Solidarität und Nähe gehören auch zu unserer existentiellen Erfahrung.
Der Autor verschweigt Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit zum Beispiel in Straflagern nicht. Menschen verändern sich durch diese Erfahrung. Da braucht es das Anzünden eines Lichts am Abend, um Orientierung geben zu können. Der Mut von Einzelnen und Gruppen zum menschlichen Handeln bleibt unzerstörbar.
Sieben große Kapitel gliedern den Text. Die Beziehung zur Natur und ihrer Kraft zeigt sich in den Titeln für diese Absätze: Wasser, Wolken, Sonne am Schluss als Beispiele. Die Donau setzt den Rahmen, dort gibt es am Ufer Erkenntnis, Ruhe und Liebe.
Die Realität des Lagers
Das Kapitel STEINE schildert die Realität des Lagers Belene in Bulgarien. Brutalität und Sinnlosigkeit regieren dort über Jahrzehnte, Widerstandskraft gibt es auch dort, der Anarchismus feiert hier eine Renaissance. Trauer über die ewige Dauer der Diktatur bestimmt nicht nur an dieser Stelle das Erzählen Dinevs. Er spricht nie zynisch über Menschen, die zu Opportunismus und Anpassung gezwungen werden, sein Schmerz über den „failed state“ Bulgarien teilt sich dem Leser ohne Pathos und dennoch nachhaltig mit.
Der Überblick über das Personal am Ende des Buches macht deutlich, dass Meto die verschiedenen Zweige der Familien zusammenhält. Der Überlebende mit der Kugel im Kopf bleibt das Zentrum des Erzählten. In der Zuwendung zu ihm wird die Grausamkeit des Erzählten erträglich. Dinev stellt seine Frage immer wieder neu: Wie gewinne ich Orientierung in einer Zeit, die Desinformation, Rassismus und Profitgier hofiert? Seine Antwort: Wenn wir wissen, wer wir waren, kommen wir zu uns selbst.
Die Themenfülle und manche drastische Darstellung sind kritisiert worden, Demenz und Wachkoma am Ende sind vielleicht des Guten zu viel. Es bleibt aber das große Verdienst, dass Dinev uns sagt: Baut die Stadt der Gerechtigkeit und Wahrheit. Dazu braucht es die Freiheit in der Zeit der Mutigen.
Axel Schneider (Walter Hasenclever-Gesellschaft)
Wichtiger Hinweis: Dimitré Dinev kommt nach Aachen. Am Mittwoch, 21.10., 19.30 Uhr, liest er in bei unserem Kooperationspartner, der Buchhandlung „Das Worthaus“, Gregorstraße 2, in Aachen Burtscheid aus seinem Roman. Der Eintritt kostet 15,00 €. Für die Veranstaltung anmelden können Sie sich über https://www.worthaus-ac.de/events/lesung-mit-dimitre-dinev-aus-dem-zeit-der-mutigen/