Die Evolution der Gewalt

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Datum:
Do. 4. Dez. 2025
Von:
Jean-Pierre Sterck-Degueldre

Harald Meller, Kai Michel, Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 2024, 368 S., 28,00 €; ISBN 978-3423284387.

Das Buch ist in der Diözesanbibliothek einseh- und ausleihbar.

Der Krieg ist zurück in Europa und ist uns in den letzten Jahrzehnten selten so nah gegangen… Sind Krieg, Mord und Totschlag in uns Menschen genetisch verankert? Kommt der Mensch etwa nicht gegen seine kriegerische Natur an?

Die drei Autoren schauen interdisziplinär auf die Menschheitsgeschichte zurück und gelangen zu einem nuancierten, aber auch ermutigenden Urteil: Sicherlich finden sich auf der gesamten Erde archäologische Spuren von gewalttätigen und allzu oft kriegerischen Auseinandersetzungen in Form von Massengräbern und Angriffswaffen. Die meisten Befunde stammen jedoch aus der jüngeren Geschichte, einige wenige sind allenfalls zehntausend Jahre alt, als der Homo sapiens zum sesshaften Viehtreiber, Bauern oder Fischer wurde. Mit der Sedentarisierung, dem exklusiven Anspruch auf Land und Ressourcen, sowie später der Urbanisierung nahm das Übel seinen Lauf.

Die genetische Prägung des Menschen
Das macht auf die gesamte Menschheitsevolution gesehen jedoch nur ein einziges Prozent der Zeit aus. Die genetische Prägung des Menschen geschah jedoch in hunderttausenden Jahren zuvor. Auf spannende Weise kombinieren die Autoren die Forschungen aus Archäologie, Geschichte, Literaturwissenschaft, Verhaltensforschung und Evolutionsbiologie und kommen zu folgendem Schluss: Wir sind in diesem Sinne keine Kinder Kains, die als unauslöschliches Merkmal den Hang zum Mord und zur Kriegsführung in uns tragen. Zweifelsohne „kann der Mensch auch Gewalt“, doch vor allem Kooperation und Kommunikation liegen tief in seiner Natur: Wir sind also nicht zum Krieg verdammt, fallen jedoch gewaltverherrlichenden und kriegstreibenden Narrativen, so z. B. den großen nationalistischen Erzählungen, wenn wir nicht aufpassen, nur allzu leicht anheim. Krieg liegt nicht in unserer Natur, er ist vielmehr kulturell angeeignet, gewissermaßen „erlernt“. Lässt sich der Krieg auch wieder verlernen? Einfache Antworten geben die Autoren nicht, dennoch ziehen sie mit Blick in die menschliche Frühgeschichte Schlüsse für eine friedlichere Zukunft: Das Buch endet mit zwölf evolutionär gewonnenen und archäologisch abgestützten Lektionen, mit denen Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik gegen den Krieg in Stellung gehen. Lektionen, die es lohnt zu entdecken!

Jean-Pierre Sterck-Degueldre