Robert Seethaler: Die Straße. Roman. Berlin: Claassen 2026, 230 S., 25,00 €; ISBN 978-3-546-10033-5.
Das Buch ist in der Religionspädagogischen Medienstelle (Belletristikregal) einsehbar und ausleihbar.
Als Schriftsteller hat Robert Seethaler viel erreicht. Seine Bücher sind seit Jahren Bestseller, werden erfolgreich für Theater und Film adaptiert, mit Preisen ausgezeichnet und international wahrgenommen. Sein Roman „Der Trafikant“ ist einige Jahre lang sogar Pflichtlektüre im nordrhein-westfälischen Zentralabitur gewesen. Mehr geht nicht? Doch – wie sich jetzt zeigt!
In den Buchhandlungen wird sein aktuelles Buch „Die Straße“ als „der neue Seethaler“ präsentiert. Der Name des Autors avanciert zum Verkaufsargument. Wie viele Autoren gibt es, bei denen das der Fall ist? Man fragt sich allerdings, ob sich ein derart etablierter Autor vielleicht gedrängt fühlt, seinen Leser*innen genau jenes Buch zu geben, das sie von ihm verlangen.
Im Falle von Robert Seethaler kann man das für „Die Straße“ klar verneinen. Sein Buch trägt zwar den Untertitel „Roman“, aber mit einem klassischen, weit ausgreifenden, viele Handlungsstränge integrierenden Roman teilt er allenfalls den Anspruch, die Totalität einer Welt abzubilden. Diese Welt ist die Welt der Heidestraße, die 1839 nach einer damals noch jenseits der Stadtgrenzen gelegenen Zwergstrauchheide benannt wurde. Heute gehört sie zur (namenlos verbleibenden und also symbolischen) Stadt; sie liegt aber nicht im Zentrum, sondern am Rand – und wird von Menschen bewohnt, die selbst an den Rand gedrängt zu werden drohen, sei es, weil sie wegen neuer Bebauungspläne ihre Wohnung aufgeben müssen, sei es, weil sie sich aus Angst vor der unübersichtlich gewordenen Außenwelt ins Eigene zurückziehen, sei es, weil sie frohgemut ein Antiquariat eröffnen und bald feststellen müssen, dass es kaum besucht wird, oder sei es, weil sie, selbst nicht eben friedlich, Opfer einer Gewalttat werden.
Stimmen, Wahrnehmungen, Urteile
Aus ihren (fragmentarisch dargebotenen) Perspektiven setzt sich Seethalers Straße zusammen, nicht aus der Beschreibung von Bauwerken, sondern aus Stimmen, Wahrnehmungen und Urteilen (auch in Behörden- und Juristensprache). Zwischen diesen Perspektiven springt der Roman so wild hin und her, dass man oft nicht weiß, wer gerade spricht – und auch nicht, wie die Person aussieht. Sich all das vorzustellen, die ganze Straße – das verlangt Seethaler seinen Leser*innen ab. Sie betrachten weniger ein Mosaik, wie in einigen Besprechungen zu lesen ist, sondern sie werden zu Architekt*innen, die die Straße vor ihrem geistigen Auge selbst erschaffen, indem sie die Leerstellen des Buches in und zwischen den Abschnitten füllen. Wer sich bloß berieseln lassen möchte, liegt mit „Die Straße“ falsch.
Den „Charakter“ oder die „Persönlichkeit“ der Straße zu verstehen, die mit dieser Formulierung gleich auf den ersten Seiten des Buches selbst etwas Menschliches gewinnt, erfordert ein genaues Hinsehen: „Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut, offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.“ (S. 14) Zu diesem Anschauen, das der Beobachtung des Künstlers entspricht, lädt Seethaler seine Leser*innen ein; sie sollen bei den einzelnen Abschnitten verweilen.
Blick hinter die Fassade
Ein schönes Beispiel für diesen Blick hinter die Fassade ist die Statue des heiligen Jolander, die einzige Sehenswürdigkeit in der Straße. Wer genau hinsieht und gründlich nachforscht, findet heraus, dass es sich nicht um einen Heiligen handelt, dessen Legende zudem gänzlich erfunden ist, sondern um die Statue eines Bettlers. Und doch wird der Heilige in der Straße immer wieder angerufen. Seine Bedeutung für den je Einzelnen liegt hinter dem, was man erforschen und erklären kann – in einer persönlichen Beziehung , einer Sehnsucht nach Nähe jenseits des Sicht- und Formulierbaren.
„Des einen Menschen Freiheit ist des anderen Menschen Kerker.“
Zugleich steht der Heilige, zu dem man eine passende Legende erfunden hat, aber für zentrale – und hochaktuelle – Themen des Romans, für die auch die Heide ein klassisches Symbol ist: Einsamkeit, das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, der Verlust der Heimat. Hinzu kommt die Allgegenwart der Gewalt, die bei Seethaler als Möglichkeit (ein Junge will mit einer Schleuder auf Tauben schießen) schon auf der ersten Seite aufblitzt und selbst in Liebesbeziehungen noch wirksam bleibt. Solche Ambivalenzen finden sich in Seethalers Buch des öfteren – auch und gerade, weil Perspektiven naturgemäß nicht miteinander kompatibel sein müssen. „Des einen Menschen Freiheit ist des anderen Menschen Kerker.“ (S. 223) In der Legende vom heiligen Jolander findet sich deshalb auch ein Satz, der gleichsam den Kontrapunkt zu jener zitierten Erkenntnis über das Hinsehen darstellt: „Ich erkannte, dass die Dinge kein Geheimnis bargen“. (S. 193) Zwischen diesen beiden Erkenntnissen – dass die Dinge sich selbst genug sind und dass ihre Schönheit hinter der Fassade liegt – changiert Seethalers Roman. Kann man ihm vorwerfen, dass die einzelnen Stimmen allzu rasch vorüberfliegen? Ja, durchaus. Kann man ihn dafür loben, dass er nicht auf Nummer sicher gegangen ist? Ja, unbedingt. Wer sich auf das literarische Experiment eines arrivierten Autors einlassen möchte, das gleichzeitig vom gewohnten Vorzug seiner luziden Prosa lebt, der greife zum neuen Seethaler.
Alexander Schüller