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Der Schatten hinter den Schatten

Datum:
Di. 13. Okt. 2026
Von:
Alexander Schüller

Lesenswert

Gregor Maria Hoff: Der Schatten hinter den Schatten. Kriminalroman. Würzburg: Echter-Verlag 2026, 236 Seiten, 17,90 €; ISBN 978-3-429-06894-3.

Das Buch ist in der Religionspädagogischen Medienstelle (Belletristikregal) einsehbar und ausleihbar.

Kann ein Theologe Krimis schreiben? Ja, er kann! Und mehr noch: Es lohnt sich, sie zu lesen. Bereits zum dritten Mal führt Gregor Maria Hoff, im Hauptberuf Fundamentaltheologie an der Universität Salzburg, seine Leser*innen nach Dornbusch, einem fiktiven Ort am Niederrhein, der Ähnlichkeiten mit seiner Heimatstadt Viersen hat. 

Anders als das reale Viersen ist das fiktive Dornbusch allerdings ein vom Tod bedrohter Ort: ein Reich der „Schatten“ gleichsam, wie in der Antike die Unterwelt. Die Umgegend wird von der Firma „Tiefbraun“ abgebaggert und wird bald ganz dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen. Die Bagger sind schon auf 1000 Meter herangerückt. Die Dornbuscher Bevölkerung hat sich deshalb erheblich verringert, viele haben den Ort verlassen, nur 300 Einwohner sind geblieben – und wenige sind hinzugekommen. Zu ihnen gehören die Protagonisten der bisherigen Romane, die auch in „Der Schatten hinter den Schatten“ ihren Auftritt haben: Pfarrer Jacob Beerwein, der an einer perfiden Form der Weltauflösung leidet, einer Demenz, und Kommissar Barth, bei dem Krebs diagnostiziert wurde, ein Schatten auf der Lunge.

Krimi-Triptychon
Im Mittelpunkt des letzten Teils des Krimi-Triptychons, das diesmal – nicht überraschend – in der Karwoche spielt, steht Melchior, genannt M. Er ist an den Rollstuhl gefesselt und betreibt einen virtuellen Friedhof. Doch keine Angst. Sie müssen die beiden Vorgängerromane nicht gelesen haben, um „Der Schatten hinter den Schatten“ zu verstehen. Damit der Einstieg dennoch mühelos gelingt, sind dem Roman einige hilfreiche Erläuterungen zu der Welt und ihren Figuren vorangestellt.

Wie es sich für einen Krimi gehört, sind der Ort und seine Menschen aber nicht nur von der Auslöschung bedroht, sondern es es wird tatsächlich ein Leben ausgelöscht. Gleich zu Beginn tönt ein Knall durch die Nacht, zunächst nicht lokalisierbar, und reißt die drei Freunde aus dem Schlaf. Am nächsten Morgen ist klar, das es sich um einen Schuss handelte. In der Kirche wird die Leiche von Sören Hennings gefunden.

Fragen über Fragen
Kommunikationschef bei Tiefbraun, und neben ihm liegt eine Pistole. Wie ist Hennings zu später Stunde in die verschlossene Kirche hineingekommen? Wurde er erschossen, oder hat er sich selbst getötet? Die Truppe um Melchior, Barth und Beerwein hat jede Menge Fragen, und bei der Suche nach Antworten unterstützt sie Rebecca Coenen, einst Au-pair-Mädchen im Hause der Hennings’ und jetzt u.a. mit Barths Pflege betraut. Es dauert nicht lange, bis weitere Rätsel auftauchen: Welche Rolle spielt Hennings’ Frau Johanna? Hat der Todesfall mit dem tragischen Reitunfall von Hennings Tochter vor vielen Jahren zu tun? Und was hat es mit dem mysteriösen blauen Bild auf sich, das ein unbekannter Künstler während des Zweiten Weltkriegs gemalt hat?
Seine Perspektive entspricht – durchaus irritierend – dem letzten Blick des toten Hennings aus der Kirche nach draußen. Die vom Künstler windschief gestaltete Kirche droht beinahe abzurutschen und gibt doch hinter dem Fenster einen geheimnisvollen Schatten preis – so als stünde dort Jahrzehnte vor der Tat bereits ein Tatverdächtiger. Das Bild, das in Hoffs Krimi zu einem Dingsymbol wird, gibt es tatsächlich; es zeigt das Innere der Kirche Sankt Severin in Viersen und ziert auch den Umschlag des Buches, das wie seine Vorgänger dadurch zu einem Gesamtkunstwerk wird.


Zusammenhänge erkennen und zur Sprache bringen
Es dauert nicht lange, bis ein weiterer Mensch, der mit dem Fall in Verbindung steht, zu Tode kommt. Doch mehr von der Handlung sei nicht verraten. Nur so viel noch: Auch in Hoffs drittem und letzten Dornbusch-Krimi stemmen sich die Figuren gegen die Auflösung der Welt im Tod, indem sie – wie es einem Krimi entspricht – nach und nach Zusammenhänge erkennen und zur Sprache bringen: Es sind Zusammenhänge zwischen Erinnerungen und Ereignissen, die die drei ‚Detektive“ bei ihren Recherchen entdecken. Es sind Zusammenhänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Kunst und Leben. Es sind Zusammenhänge zwischen Menschen: Beziehungen, die reaktivert werden oder neu geknüpft werden. Und es ist nicht zuletzt der Zusammenhang des Erzählens selbst, der den Roman mit genau jenen Sätzen enden lässt, mit denen der erste Teil des Triptychons begonnen hat. Das Ende ist der Anfang. So wie Menschen das Potential zur Destruktion haben, haben sie auch das Potential zur Konstruktion. Das hält sie über den Tod hinaus lebendig: als sinnstiftende Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft, die nichts verloren gibt. Nicht nur in Krimi und Fiktion. Und nicht nur in der Karwoche.

Alexander Schüller


Wichtiger Hinweis: Am Do, 29.10.2026, 19.00 Uhr, ist Gregor Maria Hoff in der Akademie des Bistums Aachen, Leonhardstr. 18-20, zu Gast. Im Rahmen der Aachener Krimitage liest er aus „Der Schatten hinter den Schatten“. Der Eintritt kostet 12,00 €, ermäßigt 10,00 €.

Karten sind im Vorverkauf erhältlich bei der Buchhandlung Schmetz am Dom, dem Frankenberger Buchladen und der Buchhandlung in Brand. Die Anmeldung ist aber auch möglich über:

https://www.akademie-bistum-aachen.de/bilden-begegnen/veranstaltungen/der-schatten-hinter-den-schatten-8b96e10dd1af45de863b8440884aa272