Klaus Mertes: Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen. Damit die Aufarbeitung des Missbrauchs am Ende nicht wieder am Anfang steht. Ostfildern: Patmos Verlag 2021, 79 S., 12,00 €; ISBN 978-3-8436-1349-1.
Das Buch ist in der Diözesanbibliothek unter der Signatur 71 086 einsehbar und ausleihbar.
Warum bleibe ich in der Kirche? Auch angesichts dieser in der aktuellen Situation häufig gestellten Frage fordert Klaus Mertes nicht nur bei der Aufarbeitung des kirchlichen Missbrauchs eine neue Perspektive: An die Stelle der institutionsnarzisstischen Wiedergewinnung der Glaubwürdigkeit und der verlorenen Reputation muss in einer Wendung um 180 Grad die Gerechtigkeit für alle Betroffenen stehen.
Dabei geht es zunächst um die Rollenklärung: Mertes warnt davor, dass sich kirchliche Repräsentanten mit Bezug auf das Weltgerichtsgleichnis (Mt. 25, 31–46) vorschnell mit den Missbrauchsopfern identifizieren, in denen man dem auferstandenen Christus begegnet. Dem korrespondiere im Gestus des Aufklärungsfurors die kirchliche Verurteilungs- und Hasssprache gegenüber Verurteilten oder gegenüber bisher nur Beschuldigten aus den eigenen Reihen. Ohne faires Verfahren werden sie an den Pranger gestellt und verteufelt.
Solche Instrumentalisierung ist ebenfalls gegeben, wenn man die Missbrauchsopfer mit dem Gekreuzigten identifiziert. Denn dieser hat sein Leiden aus freiem Willen und Entschluss auf sich genommen.
Anerkennung der Lebenssituation
Gerechtigkeit für die Betroffenen umschreibt Mertes als existentielles Engagement in der Anerkennung ihrer Lebenssituation. Dieser Wunsch nach Anerkennung ihres Leids äußert sich auch in der Forderung nach angemessener finanzieller Entschädigung. Den Opfern anerkennend gerecht zu werden, bedeutet Beziehungsarbeit: Zeit investieren, die Anklage annehmen, Wahrheit anerkennen, überfordernden Gesprächssituationen nicht ausweichen, gegebenenfalls auch widersprechen, aus dem Hören ins Handeln gehen. Gerechtigkeit lässt sich allerdings nur annäherungsweise herstellen.
Um Beteiligung der Betroffenen geht es. Dabei stellt sich die Frage, mit welchem Modell sich die Fallen der Vereinnahmung und Instrumentalisierung vermeiden lassen. Zunehmend offen stehen die Bischöfe der Einrichtung einer parlamentarischen Wahrheitskommission gegenüber, die mit befriedender gesellschaftlicher Wirkung das gesamte Feld des Missbrauchs in den Blick nimmt. Klaus Mertes fordert allerdings, dass die Kirche bei einer wirklich unabhängigen Aufarbeitung des Missbrauchs in Bezug auf sich selbst voranschreitet. Nicht nur in diesem Kontext muss auch der Synodale Weg, zwar primär auf strukturelle Prävention bezogen, umfassend eine bestimmte kirchliche Rechtskultur praktizieren.
Gerechtigkeit für die Betroffenen
Der richtige Notenschlüssel sei entscheidend. Leitmotivisch gebraucht Klaus Mertes dieses einprägsame Bild: Der richtige Notenschlüssel vor Text und Melodie der Aufarbeitung lautet: Gerechtigkeit für die Betroffenen.
Mertes traut dem einzelnen Gläubigen und der kirchlichen Institution die anteilnehmende Beziehungsarbeit zu, die Hingabe, orientiert an der Proexistenz Christi, der sich in seinem Leben und in seinem Tod selbst gibt. In diesem Geist einander gerecht zu werden, ermutigt dazu, in der Kirche zu bleiben – in kritischer Loyalität.
Heribert Körlings