Redaktion: Herr Dr. Sterck-Degueldre, Sie sind einer der kreativen Köpfe hinter dem „Kompasskanal“ – dem YouTube-Hotspot für Religionspädagogik im Bistum Aachen. Über 240 Videos für Schule und Gemeinde sind schon online. Hand aufs Herz: Wie fing das Ganze an und wo stehen Sie heute?
JPSD: (lacht) Sagen wir, wie es ist: Corona war der finale Popcorn-Moment für die digitale Bildung. Plötzlich mussten Lehrkräfte von jetzt auf gleich Erklärvideos und Apps aus dem Hut zaubern. Was vorher ein nettes Extra war, wurde über Nacht überlebenswichtig. Wir haben diesen digitalen Weckruf gehört und uns gedacht: Da müssen wir anpacken.
Redaktion: Also quasi Erste Hilfe für den Reli-Unterricht?
JPSD: So in etwa! Erst gab es Online-Fortbildungen und Downloads, aber schnell war klar: Die Leute wollen Content „on demand“. Netflix hat es vorgemacht, wir haben es für die Religionspädagogik adaptiert. Unsere Videos stehen genau dann bereit, wenn die Lehrkraft abends um acht die Stunde für den nächsten Morgen plant.
Redaktion: Sie sprechen explizit von „Lernvideos“, nicht von einfachen Erklärvideos. Wo ist der Unterschied?
JPSD: Ein klassisches Erklärvideo zeigt oft nur eine Hand, die bunte Kärtchen ins Bild schiebt. Wir wollten mehr. Unser Kanal bietet das volle Programm: Whiteboard-Animationen, Unboxing-Videos zu unseren neuesten Materialkoffern, Expert*innen-Interviews und – ein kleines Highlight – 360-Grad-Videos, mit denen man sakrale Räume komplett digital erkunden kann.
Redaktion: Bleiben wir kurz bei den Interviews. In Ihrer Reihe „TheoClips“ sind ja mittlerweile stolze acht Staffeln online. Wer sitzt da bei Ihnen auf dem heißen Stuhl?
JPSD: Von der Uniprofessorin über Fachbuchautoren bis hin zu Aktivisten ist alles dabei – zum Beispiel Christopher Simonsen von der Initiative „Out in Church“. Uns ist wichtig, über den Tellerrand zu schauen. Wenn wir über z.B. Ethik sprechen, holen wir uns auch Expertise aus der Medizin oder der Psychologie ins Boot. Übrigens, wo Sie unsere Staffeln so loben: Haben Sie eigentlich schon ein Abo und ein Like dagelassen? (schmunzelt) Das darf man nämlich gerne tun!
Redaktion: Wird sofort nachgeholt! Aber zurück zu den 360-Grad-Videos. Brauche ich dafür jetzt im Klassenzimmer eine klobige VR-Brille auf der Nase?
JPSD: (lächelt) Das erhöht den Spaßfaktor enorm, ja! Man setzt die Brille auf und steht plötzlich mitten im virtuellen Kirchenraum. Wer keine hat: Keine Sorge, die Brillen kann man demnächst bei uns im Katechetischen Institut ausleihen. Aber es funktioniert auch ganz geschmeidig auf dem Smartphone oder Tablet. Man bewegt den Bildschirm und schaut sich um – wie bei Google Street View, nur eben mit sakralem Flair.
Redaktion: Und warum der ganze Aufwand? Ist der echte Kirchenbesuch nicht cooler?
JPSD: Absolut, das Original schlägt nichts! Aber seien wir realistisch: Manchmal ist die Kirche zu weit weg, der Bus zu teuer oder die Organisation mit 30 Teenagern einfach ein logistischer Albtraum. Unsere Videos sind die perfekte, bequeme „Krücke“, um den Kirchenraum direkt aufs Smartboard in die Klasse zu holen.
Redaktion: Woher nehmen Sie eigentlich den Stoff für so viele Videos? Gehen Ihnen nie die Ideen aus?
JPSD: Der Lehrplan liefert uns das Pflichtprogramm – Klassiker wie Martin Luther oder die Entstehung der Evangelien. Die Kür bestimmen die gesellschaftlichen Themen, die den Jugendlichen unter den Nägeln brennen: Nachhaltigkeit oder Queerness zum Beispiel. Und manchmal läuft es bei uns wie beim Wunschkonzert.
Redaktion: Man kann sich bei Ihnen ein Video wünschen?
JPSD: Fast! Wenn uns Fachkonferenzen oder Lehrkräfte nach einem bestimmten Thema fragen, prüfen wir, ob das auch für andere Schulen spannend ist. Wenn ja, heißt es: „Top, die Wette gilt!“ – vorausgesetzt, die Lehrkräfte helfen ein bisschen mit, schreiben am Skript mit oder sprechen den Text selbst ein. Teamwork eben.
Redaktion: Das klingt nach einem Rundum-sorglos-Paket für den RelI-Unterricht. Richtet sich der Kanal eigentlich nur an Schulen?
JPSD: Überhaupt nicht. Wir haben auch die Pastoral im Blick und letztlich jeden, der einfach Lust auf spannende, religiöse Themen hat.
Redaktion: Hand aufs Herz: Spiegelt sich dieser Aufwand auch in den Klickzahlen wider? Ist der Kompasskanal auf Erfolgskurs?
JPSD: Wir stehen aktuell bei rund 10.000 Aufrufen im Monat. Für ein Nischenprodukt im Bereich Religionspädagogik ist das grundsolide, aber da ist natürlich noch Luft nach oben. Wir wollen mehr Reichweite und setzen voll auf Synergien. Statt dass jedes Bistum sein eigenes Süppchen kocht, arbeiten wir eng mit dem Bistum Essen (Reliboard) oder edukath.de zusammen. Das tut allen gut.
Redaktion: Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel: Was steht als Nächstes an?
JPSD: Wir stecken mitten in der Postproduktion für die 9. Staffel der „TheoClips“. Da widmen wir uns dem interreligiösen Dialog und der extrem spannenden Frage: „Wer ist Jesus im Koran?“. Außerdem basteln wir an Clips zum Thema Nachhaltigkeit und planen, bald auch Synagogen und Moscheen mit der 360-Grad-Kamera einzufangen. Langweilig wird uns definitiv nicht!
Redaktion: An Ideen mangelt es Ihnen wirklich nicht. Vielen Dank für das erfrischende Gespräch und weiterhin viel Erfolg für den Kanal!
JPSD: Ich danke Ihnen – und wir sehen uns in den YouTube-Kommentaren!