Julian Barnes: Abschied(e). Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2026, 239 S., 23,00 €; ISBN 978-3-462-00919-4.
Das Buch kann in der Religionspädagogischen Medienstelle (Belletristik-Regal) eingesehen und dort auch ausgeliehen werden.
Es ist sein letztes Buch. Julian Barnes, in Deutschland spätestens seit „Flauberts Papagei“ (1984) bekannt und gelesen, verabschiedet sich auf 239 Seiten von seinem Publikum. Mit achtzig Jahren und nach etlichen Büchern und Auszeichnungen (u.a. Man Booker Prize) ist Schluss mit dem Schreiben – oder wenigstens dem Veröffentlichen des Geschriebenen. Sein letztes Buch ist aber nicht nur selbst ein Abschied, es erzählt auch von Abschied(en): tatsächlichen und vermeintlichen, endgültigen und episodischen – und immer wieder auch von der Bedeutung der Erinnerung(en), so wie es sich für einen ordentlichen autobiographisch inspirierten Text heutzutage eben gehört.
Der erste Teil „IAM“ dreht sich um das Gedächtnis, das Barnes mit einer schönen Formulierung als „Ort, an dem Verfall und Ausschmückung ineinandergreifen“ bestimmt. Die Abkürzung IAM steht für „Involuntary Autobiographical Memory“ und bezeichnet einen Vorgang, den Proust in einer berühmten Episode seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ eindrucksvoll geschildert hat. Plötzlich, ausgelöst durch den Geschmack einer ein Tee eingetauchten Madeleine, ist eine Kindheitserinnerung gegenwärtig, als wäre sie nie weg gewesen. Zugleich bedeuten die drei Buchstaben aber, wenn man sie an einer Stelle auseinanderrückt, „I am“ - „Ich bin“ – für Barnes keine zufällige Übereinstimmung: Alle gespeicherten unwillkürlichen Erinnerungen konstituieren seiner Auffassung nach die Identität des Erinnernden. Dass sie uns nur in Ausnahmefällen immerzu präsent sind, zeigt, dass es auch im Gedächtnis Abschiede und Wiederankünfte gibt – und eine unverfügbare Lücke dazwischen.
Geschickt komponiertes Buch
Die Teile 2 und 4 des geschickt komponierten Buches erzählen im Anschluss an diese Grundsatzüberlegungen eine Geschichte aus dem Leben, eine wahre Geschichte, wie Barnes ausdrücklich betont, die allerdings ein „Loch in der Mitte“ aufweist, eine schier unüberbrückbare erzählerische Leerstelle. Denn Stephen und Jean, die beiden Weggefährten aus der Oxforder Uni-Zeit, die jetzt in den Mittelpunkt rücken, hat Barnes vierzig Jahre lang nicht gesehen; ihre Geschichte bleibt daher bruchstückhaft – wie die Erinnerung selbst. Einst waren sie ein Paar, das sich nach dem Abschluss die Frage stellte, ob es heiraten oder sich trennen solle. Ihre Entscheidung lautete damals: Trennung. Nun, vier Jahrzehnte später, bringt Barnes sie wieder zusammen, und jetzt, nach kurzem Wiederkennenlernen, lautet die Entscheidung: Heirat. Doch wird die Ehe gelingen? Oder werden die beiden ihre alten Fehler wiederholen und sich erneut trennen? Welche Bedeutung hat überhaupt die Erinnerung an die damalige Beziehung für sie? Beflügelt sie Stephen und Jean? Oder steht sie ihnen im Wege? Die Antworten auf diese Fragen werden natürlich nicht verraten; nur soviel sei gesagt: Als Barnes von Stephen und Jean zu erzählen beginnt, sind beide bereits verstorben – ein weiterer Abschied, der Barnes erst die Gelegenheit eröffnet, von ihnen zu erzählen. Und er ergreift diese Gelegenheit, obwohl er Jean versprochen hatte, sie niemals zu einer Figur in seinen Büchern zu machen.
Zwischen Tod und Leben pendeln
Diese Geschichte einer unterbrochenen Beziehung, bei der Barnes als Dritter sowohl die Rolle eines Akteurs als auch einer Hintergrundfigur übernimmt, wirft Licht auch auf sein eigenes Leben, das durch die Diagnose Blutkrebs – wie wir in einem eingeschobenen Kapitel erfahren – erschüttert worden ist und zwischen Tod und Leben pendelt: Der Krebs – die genaue Diagnose lautet: Myeloproliferative Neoplasien – ist kein Todesurteil, er kann aber auch nicht besiegt werden. Kindheitserinnerungen, lange vergessen, kommen nun, da die letzte Lebensphase begonnen hat, wieder zu Bewusstsein und lassen die Zeit dazwischen verblassen, ja wie bei seiner verehrten, an Demenz erkrankten Freundin Dodie Smith mitunter ganz verschwinden. Diesen lebensgeschichtliche Bezug, der das Kernthema des Buches weiter entfaltet, positioniert Barnes zwischen Anfang und Ende jener Geschichte von Stephen und Jean, die wiederum die Mitte des Buches bildet. Damit füllt er die Leere und betont sie zugleich: Es ist die Vergänglichkeit, die alles bedroht; es ist die Vergänglichkeit, die allem einen Wert gibt; und es ist die Vergänglichkeit, das Bewusstsein des bevorstehenden Abschieds, der zu Rechenschaft über das eigene Leben und Handeln zwingt. Im Weggehen zeigt sich im Hintergrund erst das Bleibende, die Identität. So gestaltet Barnes in seinem letzten Buch die eigene „Poesie des Abschieds“, die er als „Mittelding zwischen Gehen und Bleiben“ bestimmt. Denn „Abschied(e)“ ist ein Mittelding: ein letztes Gespräch mit den Leser*innen und zugleich ein bleibendes Zeugnis seines Denkens und Schreibens.
Ja, wir werden Julian Barnes’ Stimme vermissen. Doch wir können sie auch weiterhin hören, wann immer wir zu einem seiner Bücher greifen.
Alexander Schüller